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Missbrauchsfälle in der Kirche : Schweigegelübde

  • -Aktualisiert am

Kardinal George Pell im Juni 2017 Bild: AP

Einer der mächtigsten Männer der Weltkirche, Kardinal George Pell, ist in Melbourne als Kinderschänder verurteilt worden. Der Richter hat eine Nachrichtensperre verhängt. Das ist weltfremd und herablassend.

          Aus Melbourne kommt eine Nachricht, die aus Melbourne nicht kommen dürfte. Dort hat vor wenigen Tagen ein Geschworenengericht den 77 Jahre alten australischen Kardinal George Pell des sexuellen Missbrauchs zweier Ministranten für schuldig befunden. Pell ist einer der mächtigsten Männer der Weltkirche: Papst Franziskus machte ihn Anfang 2014 zum Chef des neuen Wirtschafts- und Finanzsekretariats im Vatikan, zudem gehörte Pell bis vor kurzem zum neunköpfigen Kardinalsrat in Rom, dem wichtigsten Beratungsgremium des Papstes. Pell wird als „Nummer drei“ im Vatikan beschrieben, nach dem Papst und nach Kardinalsstaatssekretär Pietro Parolin, dem Chefdiplomaten des Kirchenstaats.

          Wenn ein so ranghoher Papstvertrauter in seinem Heimatland als Kinderschänder verurteilt wird, dann sind das „Front Page News“. Darf das Urteil aber nicht sein. Denn der Richter in dem jetzt beendeten Prozess sowie in einem zweiten Missbrauchsverfahren gegen Pell, das im Februar beginnen soll, hat eine Nachrichtensperre verhängt. Australische Medien dürfen unter Androhung hoher Geldstrafen nicht über die Prozesse berichten – nicht über die Anklagepunkte, nicht über Zeugen- und Anwaltsaussagen, auch nicht über das jetzige Urteil. Der Richter begründete das Verbot mit der möglichen Beeinflussung der Geschworenen durch eine Vorverurteilung des Kardinals in den Medien. Das Verbot soll bis zum Abschluss der Verfahren in letzter Instanz gelten – mutmaßlich noch mehrere Jahre.

          Jahrzehntelange Vertuschung

          Die amerikanische Nachrichtenseite „The Daily Beast“ hat sich als erste über das Verbot hinweggesetzt und unter Berufung auf Quellen im Gericht in Melbourne von dem Schuldspruch berichtet. Dem Beispiel folgten internationale Medien, unter Berufung auf eigene Quellen und auf „Daily Beast“. Auch diese Zeitung hat berichtet. Dass Kardinal Pells Chancen auf ein faires Verfahren durch offene Berichterstattung beeinträchtigt werden könnten, ist eine abenteuerliche Vorstellung. Aus ihr spricht zudem Herablassung: Den Geschworenen werden Mündigkeit und Urteilsvermögen abgesprochen, die der Richter exklusiv für sich selbst reklamiert. Weltfremd ist zudem die Annahme, Informationen ließen sich im digitalen Zeitalter dauerhaft unterdrücken. Opfer klerikalen Missbrauchs fühlen sich durch die Nachrichtensperre des Richters in Melbourne an die Taktik der katholischen Kirche erinnert, Sexualverbrechen von Geistlichen jahrzehntelang zu vertuschen und statt der Opfer die Täter zu schützen.

          Kardinal Pell, der alle Vorwürfe zurückweist und in Berufung geht, sollte selbst die Aufhebung der Nachrichtensperre verlangen. Wenige Tage vor dem Schuldspruch gegen ihn hob ein australisches Berufungsgericht das Urteil gegen Erzbischof Philip Wilson auf, der in erster Instanz wegen Vertuschung serieller Sexualverbrechen eines pädophilen Priesters in seiner Diözese zu zwölf Monaten Hausarrest verurteilt worden war. Begründung: Der Bischof sei durch die Medienberichterstattung vorverurteilt worden. Papst Franziskus ließ am Mittwoch mitteilen, Pell scheide aus dem Kardinalsrat aus. Aus Altersgründen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

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