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Missbrauchsskandal : Regensburger Pfarrhauswitz

  • -Aktualisiert am

Konzert der Regensburger Domspatzen Bild: dpa

Ist die Kommunion durch einen pädophilen Priester eigentlich gültig? Die Geschichte eines Missbrauchsfalles bei den Regensburger Domspatzen zeigt eindrücklich, welche Spätfolgen entstehen, wenn das Sakralrecht über das Strafrecht gestellt wird.

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          Im Zuge der Enthüllungsberichterstattung zum Thema „pädophiler Missbrauch“ wurde bekannt: Auch bei den Regensburger Domspatzen hat es zwei Missbrauchsfälle gegeben, und zwar während der fünfziger und sechziger Jahre. Die Täter sind, das stellte sich heraus, bereits tot. Sie waren damals mit Gefängnishaft bestraft worden.

          Einen der beiden Fälle habe ich selbst während meiner Zeit als Internatsschüler der Regensburger Domspatzen miterlebt. Der Täter, Z., war Priester, Internatspräfekt und Vorgesetzter der übrigen Präfekten. Das Opfer O. war ein Junge von ungefähr dreizehn Jahren. Er leitete eine kleine Gruppe von Internatsschülern. Dieses Amt war ihm von Z. verliehen worden. O. hatte somit einen Hierarchievorteil gegenüber seinen Mitschülern, war aber stärker in die von Z. abhängige Hierarchie eingebunden.

          Der Geist des Kanonischen Rechts

          Ich war damals Oberstufenschüler. Bereits vor dem Bekanntwerden des Missbrauchsskandals brachten meine Mitschüler und ich dem Priester Z. nur wenig Respekt entgegen. Denn wir hielten seine Predigten für dumm und kitschig. Wir nannten sie „Schnulzen“. Auf diese Weise entstand für Z. der Spitzname „Schnulz“. Als dann der Missbrauch bekannt wurde, bildete sich ein weiterer Neologismus: „Schnulzen“ bedeutete von nun an in unserer Insidersprache „sich auf pädophile Weise sexuell betätigen“. Hier handelte es sich wohl um einen harmlosen „Pfarrhauswitz“, nicht um einen antiklerikalen Witz. Der Pfarrhauswitz verspottet nur eine Einzelheit und stellt das klerikale Bezugssystem nicht in Frage.

          Einen tieferen kulturellen Bereich berührt eine andere Geschichte, die damals bei uns erzählt wurde. Mitschüler hatten das Opfer O. gefragt: „Wie konntest du es wagen, die Kommunion zu empfangen, da du doch wissen musstest, dass du im Zustand der Todsünde lebtest?“ O. soll geantwortet haben: „Ich habe die Kommunion immer nur von Z. empfangen. Da ich wusste, dass Z. ein unwürdiger Priester ist, habe ich angenommen, eine ungültige Kommunion zu empfangen und auf diese Weise das Sakrament nicht zu entweihen.“In dieser Geschichte rangiert die Entweihung des Sakraments noch über dem Delikt des pädophilen Missbrauchs.

          In der etwas spitzfindigen Auslegung eines Sachverhalts erscheint der Geist des Kanonischen Rechts. Das Kanonische Recht ist das Sakralrecht, von dem sich das moderne öffentliche Recht in einem mühsamen Entwicklungsprozess emanzipiert hat. Die Kirche war es gewohnt, das Kanonische Recht für wichtiger zu halten als das Strafrecht. Sie neigte dazu, Delikte wie Pädophilie von Priestern primär nach dem Kanonischen Recht zu beurteilen. Und im Kanonischen Recht gibt es irgendwo die Möglichkeit der Vergebung der Sünden.

          Routine im Vertuschen von Skandalen

          Wir erfuhren damals, dass Z. nach dem Verbüßen seiner Haftstrafe irgendwo in der nördlichen Oberpfalz als Seelsorger wieder eingesetzt wurde und dort auch wieder mit Jugendarbeit betraut wurde. Ich ahnte damals, dass die Kirche beim Umgang mit Vorfällen dieser Art eine gewisse Routine hat.

          Das katholische Priestertum ist ein „Zwei-Körper-System“. In ihm gibt es den symbolischen und den physischen Körper. Der symbolische Körper ist geweiht und deshalb befugt, Sakramente zu spenden. Der physische Körper ist der biologische Mensch mit seinem Alltagsverhalten. Die auratische Kraft des symbolischen Körpers wird durch das öffentlich deklarierte Prinzip der nicht ausgelebten Sexualität verstärkt.

          Symbolischer Körper ist etwas anderes als beispielsweise das abstrakte Amt, das in Demokratien verliehen wird. Der geweihte symbolische Körper fungiert als Vorbild für die kulturelle Nachahmung von Populationen. Er hat eine starke charismatische Ausstrahlung.

          Die auratische Wirkung der Priesterpersönlichkeit

          Kulturelle Organisationen, die mit dem Zwei-Körper-System arbeiten, verfügen immer über Techniken, die es ihnen ermöglichen, die physischen Körper ihrer Amtsträger vor dem Publikum zu verbergen. Zu diesen Techniken gehört unter anderem das Vertuschen von Skandalen.

          Ich habe den Eindruck gewonnen - und er ist nun durch die Stellungnahme im Vatikan bestätigt worden -, dass erst jetzt, nach der Enthüllungskampagne der vergangenen Wochen, eine kritische Mehrheit der katholischen Kleriker die Superiorität des Strafrechts vor dem Sakralrecht wirklich akzeptiert hat. Doch wenn die Kirche die uneingeschränkte Zuständigkeit des Öffentlichen Rechts einmal angenommen hat, dann liefert sie die physischen Körper ihrer Priester vorbehaltlos dem profanen Recht aus. Auf diese Weise wird es schwierig sein, das System der zwei Körper aufrechtzuerhalten. Die Inszenierungstricks, mit deren Hilfe die auratische Wirkung der Priesterpersönlichkeit erzeugt wird, können nun nicht mehr wie früher eingesetzt werden.

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