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Missbrauchsskandal in den Niederlanden : Dass sie mich wieder zu packen kriegen

  • -Aktualisiert am

In den Medien des Vatikans wird weiter geschwiegen

Heithuis heuerte als Matrose an, litt schwer an den psychischen und hormonellen Folgen des Eingriffs und meldete sich 1957 beim niederländischen Konsulat im japanischen Kobe, wo er als menschliche Ruine von Bord gegangen war. Mit Hilfe von Ijsbrand Rogge, damals bei einer niederländischen Bankfiliale in Japan tätig, kehrte Heithuis nach Holland zurück, wo er einen juristischen und publizistischen Feldzug gegen die Menschen beginnen wollte, die ihm das Verbrechen angetan hatten. Doch weder die Strafanzeige noch die geplante Publikation in der Massenzeitung „Het Parool“ hatten Erfolg. Aus den Akten kann Dohmen nachweisen, dass Heithuis’ Fall immerhin dokumentiert wurde und Beamte und Wissenschaftler entsetzt waren über die katholische Kastrationspraxis. Mindestens neun weitere Fälle - so Briefe von Zeitzeugen - soll Heithuis namentlich genannt haben. Doch die Forderung nach Strafverfolgung und 150000 Gulden Schadenersatz stieß auf Widerstand auch bei den Behörden. Die Anzeige eines Richters wurde abgewiesen. Noch bevor ein Prozess überhaupt eröffnet wurde, verunglückte Heithuis bei einer Autofahrt im Oktober 1958. Seltsamerweise beschlagnahmte und vernichtete die Polizei seinen gesamten persönlichen Besitz und seine Prozessunterlagen noch am Todestag. Heithuis hatte selbst stets von seiner Furcht gesprochen, dass „sie mich wieder zu packen kriegen“.

Heithuis’ trauriges Schicksal hat inzwischen weltweit Schlagzeilen gemacht, nur in den Medien des Vatikans wird darüber weiter geschwiegen. In den Niederlanden diskutiert man indes nicht nur die bestialische Praxis, bis mindestens 1969 auch ohne Gerichtsbeschluss junge Männer und sogar Minderjährige „aus medizinischen Gründen“ zu kastrieren. Während man von vierhundert Sexualstraftätern weiß, an denen die Operation vollzogen wurde, gibt es über das dunkle Kapitel von Kastrationen in katholischen Instituten - womöglich auch an Priestern - kein Aktenmaterial mehr.

Wie eine verschworene Sekte

Ist das düstere Bild katholischer Missbrauchsfälle in den Niederlanden also immer noch nicht komplett? Mitglieder der „Kommission Deetman“ wehren sich inzwischen gegen den Vorwurf, über Kastrationen informiert worden zu sein, diese aber nicht publiziert zu haben. Zudem gerät der spätere Ministerpräsident Victor Marijnen in Zusammenhang mit den Delikten im Vincentius-Stift von Harreveld. Der prominente katholische Politiker, so eine Aktennotiz im Deetman-Bericht, habe einen Weg gesucht, die Klage gegen die Mönche zu umgehen. Pikanterweise saß der mächtige Marijnen damals auch im Vorstand des katholischen Kinderschutzbundes. So gerät eine ganze geschlossene Gesellschaft konfessioneller Pädagogik, vor allem im katholischen Brabant, ins Zwielicht.

Auch in der Nachbarprovinz Limburg, so kam nun heraus, gehörte es in den fünfziger Jahren zum klinischen Alltag, Minderjährige auch ohne Zustimmung der Eltern in meist katholischen Einrichtungen zu kastrieren. Wie eine verschworene Sekte kehrte man dabei jede Kritik unter den Teppich und erledigte dadurch mögliche Ankläger des Missbrauchs mit dem Skalpell. Unter dem Schutzmantel der typisch niederländischen „Versäulung“ der Gesellschaft - jede Religion und Weltanschauung mit eigener Säule von der Wiege bis zur Bahre - konnte hier offenbar schlimmstes Unrecht im Namen der kirchlichen Obrigkeit straflos und über lange Zeit geschehen. Der Historiker Jan Bank, Mitglied der Deetman-Kommission, erklärte jetzt, dass wohl selbst die 1200 Seiten des Berichts noch nicht alles katholische Unrecht umfassen: „Unser Werk ist unvollendet.“

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