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Missbrauchsdebatte : Unter Humanisten

  • -Aktualisiert am

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger fordert von der Kirche eine klare Zielrichtung in Sachen Missbrauch. Als Beirätin der „Humanistischen Union“ sollte sie sich das mit Blick auf einige ihrer Kollegen dort vielleicht auch überlegen.

          Sabine Leutheusser-Schnarrenberger nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um entschlossene Aufklärung der Fälle von Kindesmissbrauch geht. „Macht euch Gedanken“, sagte sie, an die katholische Kirche gewandt, am 22. Februar in der ARD, „schlagt etwas vor, was natürlich letztendlich mit Unabhängigkeit, auch mit einer klaren Zielrichtung versehen sein muss. Ich glaube, es ist wirklich die Stunde da, dass die katholische Kirche ganz anders mit den Vorgängen in ihren Reihen umgeht.“ Im Interesse der Opfer sei es schon bei Verdachtsfällen gut, wenn die Staatsanwaltschaft tätig werde.

          Frau Leutheusser-Schnarrenberger weiß als Bundesministerin der Justiz, wie die Dinge geregelt werden müssen. Aber da sie seit April 1999 das Amt einer Beirätin der „Humanistischen Union“ versieht, weiß sie auch, wie sich diese laizistisch-liberale Vereinigung im September 2000 zum Sexual- und Jugendstrafrecht äußerte. Nämlich „mit großer Besorgnis“. Es ging schon damals um Kindesmissbrauch. Vor zehn Jahren also warnte man entschieden vor einer „Dämonisierung von bestimmten Tätern und Tätergruppen“. An politische Fahrlässigkeit, „wenn nicht Schlimmeres“, grenze es, die Bekämpfung der „außerordentlich raren Fälle“ zur Aufgabe staatlicher Politik „zu stilisieren“.

          Die Stunde ist da

          Mitglied im Beirat der „Humanistischen Union“ war bis zu seinem Tod vor zwei Jahren auch der Sexualpädagoge Helmut Kentler. 1994 hatte er erklärt, schon das Wort „Missbrauch“ sei meist irreführend: „Ich habe im Gegenteil in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle die Erfahrung gemacht, dass sich päderastische Verhältnisse sehr positiv auf die Persönlichkeitsentwicklung eines Jungen auswirken können, vor allem dann, wenn der Päderast ein regelrechter Mentor des Jungen ist.“

          Den Nekrolog auf Kentler verfasste der Sexualforscher Rüdiger Lautmann, der, wie sich manches eben so trifft, gleichfalls dem Humanisten-Beirat angehört. Was die positiven Wirkungen betrifft, äußerte Lautmann sich um eine Nuance zurückhaltender als Kentler: „Ganz offensichtlich kommen wenigstens einige Beziehungen vor, bei denen keine Intervention vonnöten ist: Die Kinder hängen an ihrem Liebhaber und könnten ihn jederzeit verlassen, wenn sie nur wollten.“ Also: Machen Sie sich Gedanken, Humanistin, schlagen Sie etwas vor! Ich glaube, es ist wirklich die Stunde da.

          Lorenz Jäger

          Redakteur im Feuilleton.

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