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Miriam Meckel im Gespräch : Weil wir im Jahr 2017 leben

Ist das Frauenbild auf dem Rückschritt in die fünfziger Jahre?

Wenn man sich mal die Cannes Rolle mit den Werbespots aus den fünfziger Jahren anguckt, dann versteht man, wie das Frauenbild damals war. Wir haben Gott sei Dank Fortschritte gemacht. Aber wir können durchaus nicht selbstverständlich annehmen, dass dieser Prozess einfach so weitergeht. Gesellschaftliche Entwicklung verläuft ja nie linear. Es ist eher ein Vor und Zurück. Wir haben das Glück, uns im Durchschnitt noch immer voran zu bewegen, aber das braucht immer wieder vollen Einsatz. Der Auftritt von Ivanka Trump beim W20-Panel ist da sicher nicht das Hauptproblem.

Sondern?

Nehmen Sie mal das Interview, das Torsten Albig der „Bunten“ gegeben hat. Da stehe ich dann eher fassungslos davor. Albig sagte in Bezug auf seine Frau, von der er sich getrennt hat: „Wir hatten nur noch ganz wenige Momente, in denen wir uns auf Augenhöhe ausgetauscht haben.“ Und: „Meine Frau war in ihrer Rolle als Mutter und als Managerin unseres Haushalts gefangen“. An beidem hätte er durch eigenes Zutun sicher etwas ändern können. Vor allem hätte er sich sparen können, seiner Ex-Frau nachträglich nochmal öffentlich einen mitzugeben. Wie wir alle wissen, geht so ein Interview durch Autorisierungsprozesse. Dass das alles so stehen bleiben konnte, heißt, dass Herr Albig nicht gemerkt hat, was er da eigentlich sagt, weil er es vermutlich genau so meint. Und in seiner Presseabteilung hat es auch keiner gemerkt. Das ist die Beharrungskraft eines Denkens, das heute wirklich vorbei sein sollte.

Der „Stern“ twitterte vor der Frankreich-Wahl: „Marcon hat seine Lehrerin geheiratet“ unter dem Hashtag „#AufAltenPferdenLerntManReiten“. Auch da fand jemand es ganz normal, so etwas hinzuschreiben. Erst später wurde es gelöscht. Wie kann es sein, dass so etwas unterläuft?

Es unterläuft nicht. Es unterläuft nur, dass aus Versehen das gesagt wird, was gemeint ist. So etwas zeigt, wo wirklich noch Arbeit vor uns liegt. Der Tweet ist total sexistisch gegenüber Brigitte Macron, aber auch genauso sexistisch gegenüber Emmanuel Macron. Dieser Mann bewegt etwas, indem er das absolut gängige Modell - die jüngere Frau ist mit dem älteren Mann verheiratet - umdreht. Es ist ein willkommenes Signal dafür, dass man immer Rechte und Möglichkeiten in beide Richtungen denken muss, wenn man über Gender redet.

Miriam Meckel in der Berliner F.A.Z.-Redaktion

Die Schweizer Genderforscherin Patricia Purtschert hat in der „taz“ darauf hingewiesen, dass bei den Schlümpfen nur eine Schlumpffigur weiblich ist. Sie ist blond und schön. Und dann gibt es ungefähr fünfzig männliche Schlümpfe, die alles sind. Ist das noch so, dass man als Mann alles sein kann und dass bei Frauen, die erfolgreich sein wollen, andere Maßstäbe gelten?

Ich glaube, da ist noch immer was dran. Aber es beginnt, sich zu ändern. Früher waren öffentliche Ämter zu nahezu hundert Prozent mit Männern besetzt. Bei der Rekrutierung spielten Schönheitsideale kaum eine Rolle. Mittlerweile kommen Frauen rein, aber sie sind noch immer die Ausnahme von der Regel, auf die mehr geachtet wird. Schönheit spielt nun vermehrt auch bei Männern eine Rolle. Nehmen wir nochmal Macron: Es war viel über sein Aussehen, seine Sportlichkeit, seine gute Figur zu lesen. Aus der Forschung ist bekannt, dass Menschen, die gut aussehen, Aufmerksamkeit erregen und ihnen mehr zugetraut wird. Das geht bis hin zu deutlichen Gehaltsdifferenzen. Das gilt jetzt bei Männern ganz genauso. Ob ich das gut finden soll oder ich es insgesamt schöner fände, wenn man sich weniger von diesen ganzen Äußerlichkeiten beeinflussen ließe, ist eine ganz andere Frage.

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