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Miriam Meckel im Gespräch : Es geht nicht ums Theoriegeschwafel

  • Aktualisiert am

Miriam Meckel, 45, lehrt an der Universität St. Gallen Bild: Martin Lengemann / Laif

Sind wir toleranter geworden oder einfach nur gleichgültig? Die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel spricht über die homosexuelle Ehe und die Rettung der Differenz.

          Frau Meckel, wird Homosexualität wirklich noch diskriminiert in der deutschen Gesellschaft?

          Oberflächlich betrachtet, ist es, glaube ich, sehr schick, für Gleichberechtigung zu sein. Die meisten Menschen halten sich für tolerant, und viele sind es auch. Aber eben nicht alle. Und wenn man intensiver mit denen spricht, wenn man auf die Zwischentöne achtet, auch auf das, was diesen Menschen selber vielleicht gar nicht bewusst ist: Dann hört man, dass es nicht so ist.

          Woran merkt man das denn? Gleichberechtigung ist ja nicht Gleichheit, und die Differenz wahrzunehmen ist kein feindlicher Akt.

          Differenz ist wunderbar, ohne sie wäre alles furchtbar langweilig. Der Punkt ist schon das, was aus dem Ungleichheitsbefund folgt. Ungleichbehandlung? Die äußert sich zum Beispiel auch in der Frage: Warum wollen die Homosexuellen unbedingt die spießigste aller Paarformen haben, die Ehe?

          Das, ungefähr, hätte ich als Nächstes gefragt. Wissen Sie die Antwort?

          Es geht nicht darum, ob die Homosexuellen die Ehe haben wollen. Es geht darum, ob sie die Ehe haben können, wenn sie das wollen. Wenn wir wirklich in einer liberalen, demokratischen Gesellschaft leben, dann muss es ein Recht auf Ehe für alle geben, unabhängig von der sexuellen Orientierung.

          Es geht ja bei den deutschen Debatten immer um die finanziellen und bürokratischen Details. Aber dahinter, so schien es mir, kam zum Vorschein, dass jene kritischen Menschen, die sonst jede Selbstverständlichkeit in Frage stellen, ausgerechnet die Ehe als naturwüchsige Form des Zusammenlebens deuten. Und nicht als eine Institution, nach deren historischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Begründungen man fragen dürfte.

          An der lebenslangen Paarbeziehung als menschenmöglicher Konstante habe ich auch meine Zweifel. Aber worum geht es hier: Doch nicht darum, dass die Heterosexuellen den Homosexuellen sagen müssen, wie spießig sie sind. Es geht um Politik, nicht um Theoriegeschwafel über Gleichberechtigung, sondern um politisches Gestalten, um konkrete Entscheidungen. Das Bundesverfassungsgericht hat das Adoptionsrecht homosexueller Paare gestärkt, und im Sommer wird es die steuerliche Gleichbehandlung durchsetzen. Und die CDU, die mehr Angst vor ihren Wählern hat als das Kaninchen vor der Schlange, lässt sich vom Verfassungsgericht vor sich her treiben. Das verstehe ich nicht

          Was ist daran unverständlich?

          Es ist eine Form der Politikverweigerung. Statt selbst zu gestalten, wartet man auf die höchstrichterlichen Entscheidungen.

          Die Konservativen finden, dass die Ehe zwischen Mann und Frau etwas Besonderes sei, aber sie können es immer wieder nur mit Gott oder dem Naturgesetz begründen. Dabei haben sie doch recht. Wenn man alles romantische und ideologische Dekor entfernt, bleiben zwei Begründungen für die Ehe übrig. Väter wollen wissen, ob die Kinder ihre Kinder sind. Und Kinder wollen wissen, wer ihre Väter sind. Erbfolge und Genealogie, darauf basiert die patriarchalische Ordnung.

          Ich verzeihe Ihnen jetzt mal die erste Begründung.

          Männer beschützen die Frauen, wenn sie einigermaßen sicher sind, dass sie die Mütter ihrer Kinder sind. Männer wollen wissen, wen sie aufziehen und wem sie ihren Besitz vererben. Dafür haben Sie die Ehe erfunden.

          Wenn Männer von ihren Frauen ein monogames Leben verlangen, damit sie ihrer Vaterschaft sicher sein können, dann sind das Machtfragen. Mit dem Sinn der Ehe hat das nichts zu tun. Wir haben ja früher vom Hafen der Ehe gesprochen. Heute ist sie eher ein temporärer Umschlagplatz für Liebes- und Erotikgüter. Irgendwann legt der Kahn ab und fährt woandershin. Das ist die realistische Beschreibung der Ehe in einer Welt, in der wir alle immer älter werden, länger leben, mehr vom Leben haben wollen. Das ist es, was die Konservativen so aufschreckt: Die Verhältnisse sind einfacher, wenn die Frau monogam ist und brav zu Hause bleibt. Aber das Leben ist nicht so. Auch nicht das der Konservativen. So manchen, der in Berlin die heterosexuelle Ehe verteidigt, möchte man fragen: Wann haben Sie zuletzt die Theorie mit ihrem praktischen Leben abgeglichen?

          Seltsam. Die Heterosexuellen glauben nicht mehr recht an die Ehe. Die Homosexuellen wollen sich jetzt mit den alten Ketten aneinanderbinden.

          Die Ketten existieren nur in den Köpfen derer, die an die lebenslange Gültigkeit des Eheversprechens glauben. Es sind kirchliche Ketten, keine staatlichen. Ich glaube, es gibt zwei viel bessere Begründungen für die Ehe als die, die Sie aufgeführt haben. Das eine sind tatsächlich die Kinder. Nicht, weil sie unbedingt wissen müssten, wer ihre wirklichen Väter sind, sondern weil sie Bezugspersonen brauchen. Das muss kein heterosexuelles Paar sein. Wichtiger sind Liebe, Zuwendung, Betreuung, Förderung. Ich glaube, dass Kinder mit homosexuellen Eltern sehr glücklich sein können.

          Und die andere Begründung?

          Statt der Zugewinngemeinschaft sollten wir von der Zuwendungsgemeinschaft sprechen. Ich stehe für jemanden ein. Wir übernehmen Verantwortung füreinander. Und ich gebe dieser Beziehung eine Verbindlichkeit, ich schließe einen Pakt. Dieses Modell hat mit der sexuellen Orientierung der Partner nichts zu tun.

          Warum reicht es Menschen eigentlich nicht, dass sie in einer freien Gesellschaft leben dürfen, wie sie wollen? Warum verlangt jede Lebensform gleich nach staatlicher Subventionierung, Förderung, warum muss man auch als bürokratische Existenzform repräsentiert sein?

          Repräsentiert zu sein ist nicht unbedingt eine Frage der Bürokratie. Und wenn der Staat Beziehung fördert, dann bitte für alle.

          Ist die deutsche Gesellschaft zu heterosexuell?

          Sie ist nicht zu heterosexuell, sie ist im Erschrecken vor Modernisierung verspießert.

          Es fällt einem keine große Figur ein, die sich zu ihrer Homosexualität bekennt. Und Fassbinder ist seit dreißig Jahren tot.

          Wir sind ein ganzes Stück weiter, als wir vor dreißig Jahren waren. Es ist ja gut, dass das nicht ständig ein Thema in der öffentlichen Diskussion ist. Wenn etwas ständig als Differenz thematisiert wird, dann ist das Abgrenzung. Eine Form der Differenzverstauchung.

          Wenn die deutsche Gesellschaft mit der sexuellen Disposition des Außenministers oder des Regierenden Bürgermeisters ihrer Hauptstadt kein Problem zu haben scheint: Ist das wirklich Toleranz? Oder ist es nur Indifferenz?

          Ich glaube, die Gesellschaft ist in manchem ein bisschen toleranter geworden. Aber wie schwierig ist noch immer eine Diskussion über Homosexualität im Sport. In Amerika hat sich gerade der Basketballprofi Jason Collins geoutet. Obama hat ihm gratuliert.

          Im Sport wird es aber niemals eine Gleichberechtigung geben. Männer haben andere Körper, die Geschlechtertrennung lässt sich nicht aufheben. Männer kämpfen gegen Männer.

          Und Frauen gegen Frauen. Das will doch niemand ändern.

          Aber diese Ordnung der Männlichkeit im Sport ist gefährdet von der Möglichkeit männlicher Homosexualität.

          Finden Sie? Leuchtet mir nicht ein. Es geht doch darum: Was hat mein Liebesleben mit dem zu tun, was ich professionell tue. Niemand, der in meiner Vorlesung sitzt, muss wissen, mit wem ich ins Bett gehe. Niemanden geht es etwas an, was ein Sportler für sexuelle Vorlieben hat. Niemanden geht es an, mit wem die Kanzlerin ihr Bett teilt. Wir müssen Privatheit zulassen, akzeptieren, dass die Dinge, die ein Mensch in diesem privaten Raum tut, nur diesen Menschen angehen und die Personen, die davon betroffen sind.

          Man könnte entgegnen: Das Volk will wissen, mit wem der Herrscher das Bett teilt. Wem er sich anvertraut, auf wen er hört, wessen Beistand er braucht. Auch der oder die Geliebte bekleidet gewissermaßen ein öffentliches Amt.

          Was wissen Sie denn von Herrn Sauer?

          Wenig. Er soll sehr klug sein. Ein Quantenchemiker. Er lehnt die öffentliche Rolle ab, was ich für ein Missverständnis halte.

          Dann müsste es eine Kanzlerpaar-Wahl geben.

          In sinnlicheren Gesellschaften ist es ja so. Wer Obama wählt, bekommt Michelle dazu. Und die Art, wie der Präsident mit seiner Frau umgeht, darf der Wähler als Modell dafür interpretieren, wie der Präsident mit seinem Volk umgeht.

          Das hat doch bigotte Folgen, wenn einer sein ganzes Privatleben in den politischen Prozess hineinzieht. Ich hoffe, wir bewegen uns nicht in diese Richtung. Ich finde es unglaubwürdig, wenn sich Politiker als unfehlbare Wesen, als lebenslang treue Ehepartner inszenieren. Nein danke, möchte ich lieber nicht.

          Gibt es in einer allseits toleranten oder indifferenten Gesellschaft eigentlich noch eine Chance für jene Figuren, die ihre eigene Homosexualität als Protest gegen die Norm, als Begründung auch für ein anderes Denken und Handeln genommen haben, große unversöhnte Figuren wie Michel Foucault oder Gore Vidal?

          Sie glauben, Foucault wäre Schrebergärtner geworden, wenn es die Homo-Ehe für ihn gegeben hätte?

          Ich stelle nur fest, dass die Figuren verschwinden, die ihre eigene Sexualität als Auftrag interpretieren, die ganze Norm kategorisch in Frage zu stellen.

          Wir verweigern also den Homosexuellen die gleichen Rechte, um damit die Differenz zu retten. Großartiger Gedanke.

          Es ist bescheuert, aber es ist wahr: Die heterosexuelle Mehrheit hofft, dass es jenseits der eigenen Lebenspraxis noch Refugien der Libertinage, der Promiskuität, des Exzesses geben könnte. Und projiziert diese Sehnsucht auf die Minderheit der Homosexuellen.

          Man ist im eigenen Leben immer live dabei, sogar bei den Exzessen. Und es schmerzt überall gleich, wenn der Partner ständig fremdgeht.

          Wie groß wäre aber der Verlust, wenn die Differenzen verschwänden? Die amerikanische Reporterin Hanna Rosin beschreibt in ihrem Buch „Das Ende der Männer“ eine amerikanische Arbeitswelt, in der die Frauen schon erfolgreicher als die Männer sind. Allerdings um den Preis, dass sie die von Männern formulierten Normen total übererfüllen.

          Diese Erfahrung habe auch ich auf meinem beruflichen Lebensweg gemacht. Eine Frau kommt nach oben, aber sie muss sich oft anpassen, durchboxen. Auch in diesem Sinn bin ich für die - zeitlich begrenzte - Quote. Als Rettung der Differenz. Als eine Möglichkeit für die Frauen, Zugang zu den Führungspositionen zu bekommen und sich auf dem Weg nicht total verbiegen zu müssen. Für die meisten Führungsetagen wäre mehr Diversität ein Segen.

          Sind homosexuelle Hochzeiten eigentlich lustiger?

          Sie sind bunt und lebendig. Auf der letzten musste ich über Stunden einen Mann trösten, den seine Frau verlassen hatte.

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