https://www.faz.net/-gqz-798am

Miriam Meckel im Gespräch : Es geht nicht ums Theoriegeschwafel

  • Aktualisiert am

Wenn Männer von ihren Frauen ein monogames Leben verlangen, damit sie ihrer Vaterschaft sicher sein können, dann sind das Machtfragen. Mit dem Sinn der Ehe hat das nichts zu tun. Wir haben ja früher vom Hafen der Ehe gesprochen. Heute ist sie eher ein temporärer Umschlagplatz für Liebes- und Erotikgüter. Irgendwann legt der Kahn ab und fährt woandershin. Das ist die realistische Beschreibung der Ehe in einer Welt, in der wir alle immer älter werden, länger leben, mehr vom Leben haben wollen. Das ist es, was die Konservativen so aufschreckt: Die Verhältnisse sind einfacher, wenn die Frau monogam ist und brav zu Hause bleibt. Aber das Leben ist nicht so. Auch nicht das der Konservativen. So manchen, der in Berlin die heterosexuelle Ehe verteidigt, möchte man fragen: Wann haben Sie zuletzt die Theorie mit ihrem praktischen Leben abgeglichen?

Seltsam. Die Heterosexuellen glauben nicht mehr recht an die Ehe. Die Homosexuellen wollen sich jetzt mit den alten Ketten aneinanderbinden.

Die Ketten existieren nur in den Köpfen derer, die an die lebenslange Gültigkeit des Eheversprechens glauben. Es sind kirchliche Ketten, keine staatlichen. Ich glaube, es gibt zwei viel bessere Begründungen für die Ehe als die, die Sie aufgeführt haben. Das eine sind tatsächlich die Kinder. Nicht, weil sie unbedingt wissen müssten, wer ihre wirklichen Väter sind, sondern weil sie Bezugspersonen brauchen. Das muss kein heterosexuelles Paar sein. Wichtiger sind Liebe, Zuwendung, Betreuung, Förderung. Ich glaube, dass Kinder mit homosexuellen Eltern sehr glücklich sein können.

Und die andere Begründung?

Statt der Zugewinngemeinschaft sollten wir von der Zuwendungsgemeinschaft sprechen. Ich stehe für jemanden ein. Wir übernehmen Verantwortung füreinander. Und ich gebe dieser Beziehung eine Verbindlichkeit, ich schließe einen Pakt. Dieses Modell hat mit der sexuellen Orientierung der Partner nichts zu tun.

Warum reicht es Menschen eigentlich nicht, dass sie in einer freien Gesellschaft leben dürfen, wie sie wollen? Warum verlangt jede Lebensform gleich nach staatlicher Subventionierung, Förderung, warum muss man auch als bürokratische Existenzform repräsentiert sein?

Repräsentiert zu sein ist nicht unbedingt eine Frage der Bürokratie. Und wenn der Staat Beziehung fördert, dann bitte für alle.

Ist die deutsche Gesellschaft zu heterosexuell?

Sie ist nicht zu heterosexuell, sie ist im Erschrecken vor Modernisierung verspießert.

Es fällt einem keine große Figur ein, die sich zu ihrer Homosexualität bekennt. Und Fassbinder ist seit dreißig Jahren tot.

Wir sind ein ganzes Stück weiter, als wir vor dreißig Jahren waren. Es ist ja gut, dass das nicht ständig ein Thema in der öffentlichen Diskussion ist. Wenn etwas ständig als Differenz thematisiert wird, dann ist das Abgrenzung. Eine Form der Differenzverstauchung.

Wenn die deutsche Gesellschaft mit der sexuellen Disposition des Außenministers oder des Regierenden Bürgermeisters ihrer Hauptstadt kein Problem zu haben scheint: Ist das wirklich Toleranz? Oder ist es nur Indifferenz?

Ich glaube, die Gesellschaft ist in manchem ein bisschen toleranter geworden. Aber wie schwierig ist noch immer eine Diskussion über Homosexualität im Sport. In Amerika hat sich gerade der Basketballprofi Jason Collins geoutet. Obama hat ihm gratuliert.

Im Sport wird es aber niemals eine Gleichberechtigung geben. Männer haben andere Körper, die Geschlechtertrennung lässt sich nicht aufheben. Männer kämpfen gegen Männer.

Weitere Themen

„Man kann nicht jung bleiben“

Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.

Topmeldungen

Pendler auf der London Bridge

Mobilität : Wie London die Verkehrsflut meistert

Die größte Stadt Europas baut ihr Bahnnetz aus und nutzt Big-Data-Analysen, um die U-Bahn zu verbessern. Ein anderes Verkehrsmittel soll hingegen aus der City verbannt werden – und das schon diesen Sonntag.
Ashton Applewhite

Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.
Zur Arbeit auf dem Pedelc – das schon die Umwelt und langfristig die Geldbörse.

Klimapaket : Wie teuer wird es für mich?

Das Klimapaket der Bundesregierung kostet manche Leute Geld, anderen bringt es eine Ersparnis. Wir haben einige Fälle durchgerechnet. In manchen Fällen können Pendler zum Beispiel sogar Geld sparen.
Das war’s: Antonio Brown zieht die Schuhe nicht mehr an für die Patriots.

Suspendierter NFL-Star Brown : Der tiefe Fall des Ballfängers

Das erwartbare Ende einer Football-Karriere: Nach dem Vorwurf sexueller Übergriffe kündigen die Patriots und Nike ihre Millionenverträge mit dem NFL-Profi. Eine Zukunft in der NFL ist so gut wie ausgeschlossen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.