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Milva zum Siebzigsten : Die rote Diva auf den Barrikaden

  • -Aktualisiert am

Mit italienischem Extrempathos überwältigte die Diva assoluta der Unterhaltungsbranche in den siebziger Jahren auch Deutschland. Ihre Lieder zelebriert sie als hochdramatische Drei-Minuten-Opern: Der Sängerin Milva zum Siebzigsten.

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          Ihr Bestes gab sie 1971 - das Album „Milva canta Brecht“, Fazit ihrer Zusammenarbeit mit Giorgio Strehler und später Durchbruch des deutschen Dichters in Italien. Was zuvor das verwöhnte Publikum in Mailands Piccolo Teatro hatte erschauern lassen, elektrisierte nun das Land: Als Seeräuber-Jenny und Mahagonny-Hure fauchte, röchelte, schrie und flüsterte Milva die Lieder von Brecht und Weill, als stünde sie auf brennenden Barrikaden. Dass das alles Strehler angemessener Furor auf schwindelnd hohen Kothurnen war, tat der Wirkung keinen Abbruch, sondern kam Italiens Neigung zu Extrempathos entgegen. So wurde der kokettierend doppeldeutige Beiname „La Rossa“ nun eindeutig: die junge Frau mit der feuerroten Mähne war „die Rote“.

          Das hinderte ihren Aufstieg zur Diva assoluta der Unterhaltungsbranche nicht. Begonnen hatte er, wie es sich für eine italienische Schlager- und Chansonkarriere gehört, mit Teilnahmen am Festival in San Remo, die erste, mit einem dritten Platz gekrönte 1961. Dass sie einen Sonderweg in gehobene Sphären wählen würde, hatte 1960 schon ihre erste Single angedeutet: Milva, mit ihrer gutturalen und atemberaubend lautstarken Stimme bestens dafür geeignet, sang die italienische Version von Edith Piafs „Milord“.

          In den siebziger Jahren überwältigte sie Deutschland

          Während Italiens Publikum noch Wetten abschloss, ob die dem Arbeitermilieu entstammende „Pantherin von Goro“ oder die „Tigerin von Cremona“ - die ebenso stimmkräftige Fabrikantentochter Mina Mazzini - die exaltiertesten Gesten und gellendsten Töne zustande brächte, wandte Milva sich Ennio Morricone und damit dem gehobenen Schlager zu. Es folgten Francis Lai, Theodorakis, Piazolla. Ihre Lieder, von Milva als hochdramatische Drei-Minuten-Opern zelebriert, führten sie in Mailands Scala, die Pariser Oper und die Deutsche Oper Berlin ebenso wie ins Olympia (erstmals 1962 mit einem riskanten, frenetisch gefeierten Piaf-Programm) und Londons Albert Hall.

          Deutschland, sonst irritiert vom exzessiven italienischen Unterhaltungsstil, ließ sich in den siebziger Jahren von Milva überwältigen. „Zusammenleben“, „Freiheit in meiner Sprache“, „Ich hab' keine Angst“ und „Hurra, wir leben noch“ machten sie hier zum Star mit feministischem Einschlag. Dass sie Zarah Leanders und Marlene Dietrichs Klassiker singen würde, war nur eine Frage der Zeit; 1977 tat sie's.

          Italien ist zwar seit fünfzig Jahren Mina verschworen, schätzt aber Milva weiterhin. Dort wird man an diesem Freitag der noch immer Rothaarigen und Stimmgewaltigen zum siebzigsten Geburtstag huldigen. Das Motto könnte der Titel jenes Dresdner Freiluftkonzerts sein, das sie im August 2008 mit Montserrat Caballé gab: „Diva Maxima“.

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