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Film über Künstler vor Gericht : Zivilgesellschaft ist möglich - auf dem Theater

Das Gericht: Der Film „Die Moskauer Prozesse“ dokumentiert, wie Künstler und Schauspieler gemeinsam mit Anwälten, Zeugen und Politikern Prozesse um die Kunstfreiheit neu verhandeln Bild: Real Fiction Film

Wenn schon Schauprozess, dann richtig: Für seinen Film „Die Moskauer Prozesse“ hat der Schweizer Regisseur Milo Rau Strafverfahren gegen russische Künstler im Theaterexperiment neu verhandelt.

          3 Min.

          Ein alter Witz erzählt von einem Schweizer Schriftsteller, der einen russischen Roman schreiben will. Er setzt sich in den Zug, schlägt das Notizbuch auf, spitzt den Bleistift, schaut lange aus dem Fenster. Gerade beginnt er den ersten Satz, da kommt die Durchsage: „Endstation! Bitte alle aussteigen.“ So könnte man den Gerichtsspielfilm „Die Moskauer Prozesse“ des Schweizer Regisseurs und Kulturtheoretikers Milo Rau charakterisieren, in dem er anhand der gerichtlichen Verfolgung russischer Gegenwartskünstler seit 2003 das Sterben der Demokratie unter Putin exemplarisch veranschaulicht und zugleich vorführt, dass, wären Russlands Gerichte unabhängig, die Pussy-Riot-Punkerinnen niemals verurteilt worden wären.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das halbdokumentarische Werk, das heute in die Kinos kommt, lässt die wichtigsten Wortführer des Konflikts um die Grenzen künstlerischer Freiheit ihre oft witzigen, manchmal abenteuerlichen Argumente vortragen. Freilich, in Raus abgezirkeltem Drehort des Moskauer Sacharow-Zentrums bleiben zumal die radikalen Orthodoxen, die bei den realen Prozessen die Schlüsselrolle spielten, mit ihrem unvergesslich irren Blick, aber ohne ihre behördlichen Dompteure, exotische Wildtiere in einer von kühlen Blicken beobachteten Manege.

          Nachgestellte Schauprozesse

          Zunächst geht es um die Ausstellung „Vorsicht, Religion!“ Die Kunstkritikerin Jekaterina Djogot, die als Expertin der Verteidigung im Prozess auftritt, bescheinigt ihnen den leichten bis verantwortungslosen Witz, wie er für die neunziger Jahre typisch gewesen sei. Eine Farbkopie, die den Filmgeschworenen vorgehalten wird, zeigt einen Gekreuzigten mit einem Lenin-Orden statt Kopf.

          Die Künstler spießten die tatsächlich in vielem äußerlich-mechanische Reanimation der Religion in ihrem Land auf. Sie zeigten, wie lächerlich das war. Und das fanden viele Kirchenobere und dumpfe Schafe überhaupt nicht komisch. Orthodoxe Fanatiker verwüsteten die Schau. Ihr höchst selbstbewusster Wortführer, der faschistoide Wladimir Sergejew, behauptet vor Raus Kamera, der Zerstörungsrausch sei wie ein Anfall über ihn und seine Kumpane gekommen. Die zweckentfremdeten heiligen Zeichen hätten auf sie gewirkt wie ein gezücktes Messer: Sie hätten ein Verbrechen verhindern müssen.

          Echte Polizisten sind auch dabei - zum Kontrollieren

          Dass die damals Angeklagten, der frühere Leiter des Sacharow-Zentrums Juri Samodurow und der Kurator Andrej Jerofejew mit einer Geldstrafe davonkamen, betrachtet ihre Anwältin Anna Stawitzkaja, die im Filmgericht die Pussy-Riot-Punkerinnen verteidigt, angesichts dessen, dass Freisprüche in Russland so gut wie nie vorkommen, geradezu als Sieg. Bei Milo Rau hat sie ein leichtes Spiel. Kein Staatsanwalt verhindert hier Zeugenaussagen. Das Urteil fällen sieben Geschworene, die einen Querschnitt durch die russische Gesellschaft darstellen, ohne Druck von außen.

          Keine Inszenierung: Die russische Polizei unterbricht das Theater-Experiment durch eine Personenkontrolle Bilderstrecke

          Empörung über das „Punk-Gebet“ mimt glaubhaft allein der wertkonservative Fernsehjournalist Maxim Schewtschenko, der in mitternachtsblauer Kluft als Experte der Anklage auftritt. Höchst telegen, weil eloquent und leidenschaftlich, wettert Schewtschenko gegen die, wie er findet, in alle noch so sakralen Räume vordringende „liberalfaschistische“ Massenkultur, zu der er auch Pussy Riot rechnet. Freilich, als die echte Staatsmacht, in Gestalt von Polizisten, unter dem Vorwand, Pässe prüfen zu müssen, die Dreharbeiten stört, widerstehen Schewtschenko und seine Gegner ihr gemeinsam, bis sie abrückt.

          Alternativer Russland-Entwurf?

          Die Glanznummer glückte indessen einem Veteranen der christlichen Dissidentenbewegung, dem vom Moskauer Patriarchat als Häretiker abgesetzten orthodoxen Priester Gleb Jakunin, den ein reguläres russisches Gericht nie angehört hätte. Jakunin bekennt im Zeugenstand, das Punk-Gebet habe zwar auch seine religiösen Gefühle verletzt, doch das sei nicht schlimm. Viel wichtiger findet er, dass die frechen Frauen die unzüchtige Kopulation der russischen Staatsmacht mit der Kirche, die zu einer Art Polizeisportverein zu degenerieren drohe, sichtbar gemacht hätten. Das zielte auch auf Sergejew, der, wie viele Lumpen-Christen, einem orthodoxen Kampfsportklub angehört.

          Am Ende sprechen die sieben Geschworenen, unter ihnen etliche bekennende Orthodoxe, die Punkerinnen vom Vorwurf, sie hätten vorsätzlich Gläubige beleidigt, frei. Da stand der offenbar frömmste, ein Bienenzüchter aus dem Moskauer Umland, dem Spiel und Wirklichkeit durcheinandergeraten waren, plötzlich auf, murmelte etwas vom Jahr 1937 und floh vom Set.

          Milo Rau erwähnt nicht, wie der höchst aufgewühlte Mann noch im Saal sein Christentum praktizierte, indem er die Anwesenden mit Honig aus eigener Imkerei beschenkte. Auch vom charismatischen Diakon und Theologen Andrej Kurajew erfährt man nur, dass dieser die in den Prozessen verhandelte Kunst „impotent“ fand, nicht jedoch, wie er sich gegen die Strafverfolgung von Pussy Riot einsetzte, die Standfestigkeit der Punkerinnen vor Gericht und ihr mitmenschliches Engagement im Gefängnis bewunderte und so zu ihrer Vertrauensperson wurde. Dafür konnte mit seiner Hilfe die russische Intelligenzija beweisen, dass, würde sie nur in einem Reservat leben, die russische Zivilgesellschaft längst Wirklichkeit wäre.

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