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Millionärsmesse : Spielzeug für die Superreichen

  • -Aktualisiert am

Neues Häuschen gefällig? Auf der Millionärsmesse Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Kleider aus Geldscheinen, Südseeinseln, Riesendiamanten oder Hubschrauber: Die Luxusmesse „Millionaire Fair“ in Moskau bedient die Nöte neureicher Russen, die schon alles haben.

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          Wenn Reichtum zu schnell wächst, wird sein Eigentümer leicht zum überforderten Anhängsel. In Rußland, wo man aus Erfahrung weiß, wie sich Einkommensunterschiede in Revolution und Bürgerkrieg entladen können, vermehren sich mit den Millionären auch die Industrien, die das schwellende Kapital zur Ader lassen helfen.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Auf der exklusiven internationalen Kunstmesse, die vorige Woche in der restaurierten Manege stattfand, wurden brave russische Landschaftsgemälde zu Phantasiepreisen angeboten, ebenso wie Werke von Rubens und Monet, deren Echtheit Kunstwissenschaftler bezweifelten. An der von neuen Privatpalästen gesäumten Regierungsstraße Rubljowskoje Chaussee am Stadtrand entsteht ein Einkaufszentrum aus lauter Nobelboutiquen im Scheunenformat. Speziell die Nöte derjenigen, die alles haben, wurden jetzt bedient auf einer eigenen Luxusmesse namens „Millionaire fair“ im elitären Einkaufszentrum „Krokus City“ an der Moskauer Ringautobahn, wo man Kleider aus Geldscheinen, dazu Südseeinseln, Riesendiamanten oder Hubschrauber erwerben konnte.

          Überproportional viele Superreiche

          Die rasant wachsende russische Wirtschaft gebiert, zumal sie vom Rohstoffsektor beherrscht wird, überproportional viele Superreiche. Forbes zufolge war Moskau schon 2004 Jahr Milliardärshauptstadt der Welt. Die ehemalige Kapitale des Weltkommunismus besitzt demnach 33 Milliardäre, zwei mehr als New York. Die Mercedes- und BMW-Limousinen, während der neunziger Jahre bewundertes Statussymbol der Neureichen, werden inzwischen weit überflügelt von Maybach und Hummer, Cadillac, Bentley und Rolls Royce. Die Vertreiber von Luxuswagen machen Rekordumsätze, trotz der russischen Importzölle, welche die Preise um die Hälfte steigern. Maybach setzte Bestellungen auf die Warteliste, Ferrari verzeichnet Aufträge für 2006.

          Kein Staubkorn soll das Auge stören
          Kein Staubkorn soll das Auge stören : Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

          Die Russen stehen wieder Schlange, befand die Zeitung „Moscow Times“ - nach Superautos. Unbeeindruckt von den schlechten einheimischen Straßen und dem jeglichem Fahrvergnügen feindlichen langen Winter. Luxuslimousinen seien für reiche Russen eine Art Spielzeug, hat Christian Mastro beobachtet, der den Edelsportwagen Lamborghini Mucielago in Europa vertreibt. Die Verhaltensmuster seiner russischen Kunden erinnerten ihn an saudische Fürsten. Russen legten zum fahrenden Fetisch ein ungemein gefühlsbetontes Verhältnis an den Tag und seien stets nur mit dem Besten zufrieden. Das Allerbeste an Offroad-Fahrzeugen für die Taiga, silbernen Wohnzimmersesseln, bunten Blüthner-Konzertflügeln, extragroßen Sprudel-Jaccuzis bot auch die Millionärs-Messe.

          Neue Lasertechnik für die Haare

          In Halle sechs präsentierte ein Gestüt aus der Moskauer Region graziöse Achal-Tekkiner-Hengste, die mit Schwanenhals, überlangem Leib und seidig dünnem Glitzerfell in die Welt von Tausendundeiner Nacht versetzen. Die bloße Bekanntschaft mit den diesseitigen Märchen vom schönen Leben kostete dreißig Euro Eintritt, 250 Dollar für ein VIP-Ticket. Der stilbewußte Feudalherr konnte beim Cigar Clan Genußkultur lernen. Neue Lasertechniken der Haartransplantation vervollkommnen seine äußere Erscheinung. Für die Millionärsgattin finden sich dekolletierte Nerzabendkleider, erlesenste Meditationstechniken und Ayurveda-Yoga, die auch größte Sinnkrisen zu überwinden versprechen.

          Um schön zu leben, benötigt man, zumal in Rußland, schöne Bücher. Das Moskauer Verlagshaus Terra bringt mit seiner Exklusivreihe „Monplaisir“ großformatige Prachtbände heraus, die das eleganteste Kaminzimmer schmücken. Die bibliophilen Kunstwerke geben sich nostalgisch durch das liebevolle kleinteilige Dekor, aber auch inhaltlich. Bisher wurden eine dreibändige Ausgabe des romantischen Dichters Lermontow produziert, ein Nachdruck der Jugendstil-Zeitschrift „Mir iskusstwa“ (Welt der Kunst), eine Enzyklopädie vorrevolutionärer Adelsresidenzen. Die Bücher von „Monplaisir“ erscheinen in einer Auflage von dreißig Stück und kosten rund tausend Euro. Um sie zu kaufen, muß man jedoch dem gleichnamigen Club beitreten, dem Mitglieder wie Multimilliardär Roman Abramowitsch angehören.

          Ein kultureller Adelsstammbaum

          Ein strategisches Projekt, mit dem der russische Millionär nebenbei seine Millionen zu adeln vermag, stellte Grigori Eritsian vor, der Leiter des Verlags „Slowo“. Eritsian will begüterte Russen dazu bewegen, mit ihm eine Stiftung zu begründen, die kostbare Raritäten in russischen Bibliotheken zu restaurieren hilft und zugleich Faksimile-Ausgaben finanziert. Der Verleger listet sieben in der Lenin-Bibliothek lagernde Bücher auf, die für das russische Kulturerbe „heilig“ seien, deren Zustand aber zur Besorgnis Anlaß gebe. Dazu gehören das Stundenbuch von Zar Iwan dem Schrecklichen, ein illuminiertes Stundenbuch aus Frankreich, ein von Nikolaus I. in Auftrag gegebenes Inventar der nationalen Architektur- und Kunstschätze von Kirche und Hof. Je nach Zustand der Rarität kann eine solche Patenschaft zehn- bis vierzigtausend Dollar pro Objekt kosten, schätzt Eritsian. Doch dabei erwirbt der Stifter, dessen Wirtschaftskarriere möglicherweise nicht ganz sauber verlaufen ist, auch eine Art kulturellen Adelsstammbaum.

          Durch einen echten Adelsstammbaum Investoren zu mobilisieren, hat Wladimir Tolstoi gelernt, Ururenkel des Schriftstellers und heute Direktor von dessen Erbgut Jasnaja poljana. Auf der Millionärsmesse stellt Tolstoi das in der Nähe des Gutes gelegene Städtchen Krapiwna vor, das wie durch ein Wunder sein Gesicht aus dem neunzehnten Jahrhundert bewahrt hat. Krapiwna, für dessen Schulsystem sich seinerzeit der Nachbar Leo Tolstoi engagierte, soll nach dem Willen von dessen Nachfahren durch behutsame Restaurierung zum lebendigen Denkmal werden, in dem die namenlosen Provinzstädte der klassischen russischen Literatur wiederauferstehen. Und wenn die aufstrebende russische Kinoindustrie es als Filmkulisse zu nutzen versteht, lassen sich aus Krapiwna auch kommerziell neue Träume vom alten Rußland fabrizieren.

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