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Oldtimer-Rallye Mille Miglia : Von einem Auto muss man träumen

  • -Aktualisiert am

Kurven zum Verlieben: die Autos der Mille Miglia-Tour sind nicht nur für Liebhaber eine Augenweide Bild: Don Alphonso

450 Oldtimer auf der Fahrt von Brescia nach Rom und zurück erinnern an das legendäre Straßenrennen Mille Miglia. Die Fahrer schwelgen in Nostalgie und verzichten auf moderne Mobilität, was ihnen aber auch einige Probleme bereitet.

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          „Das Auto ist erfunden worden, um den Freiheitsspielraum des Menschen zu vergrößern, aber nicht, um den Menschen in den Wahnsinn zu treiben“, hat Enzo Ferrari einmal gesagt. 272 Pferdestärken jaulen auf , packen unbarmherzig die Hinterreifen, und bringen sie eine ganze Umdrehung weiter nach vorne, bis der Golf vor mir scharf bremst und hupt. Vor ihm drängelt sich ein Dreier-BMW vorbei, der Fahrer lässt die Seitenscheibe hinunter und brüllt, der andere sei ein Freund der Selbstbefriedigung und andere unschöne Sachen, bevor er Gas gibt und im nächsten Stau landet.

          So geht das nun seit drei Stunden. Ich bin auf dem Weg zur Mille Miglia und stehe in München eine Stunde auf dem mittleren Ring, eine Stunde zwischen Dachauer und Sendlinger Strasse und eine weitere Stunde an der grossen Baustelle vor der Auffahrt zur Starnberger Autobahn. Die Elektronik riegelt mein Fahrzeug bei 250 km/h ab und der Wahnsinn des Stadtverkehrs, dessen Teil ich bin, bei maximal 25.  Das ist die Realität. Der Traum, für den ich unterwegs bin, wird einen Tag später dann im norditalienischen Brescia so aussehen.

          450 Teams werden diesen Traum in alten Autos der Baujahre 1927 bis 1957 erleben, und wie beim legendären Straßenrennen jener Epoche von Brescia nach Rom und wieder zurück fahren. Hunderttausende werden sie an der Strecke bejubeln, selbst wenn es in Italien wegen der Krise wenig Neigung zum Kraftfahrzeug gibt: Junge Italiener verzichten zwangsweise auf Führerschein und Auto, aber an diesen vier Tagen zwischen Brescia und Rom erfreuen sie sich oft am Automobil in seinen bunten, lauten und stinkenden Erscheinungsformen, und die Streckenposten werden dafür sorgen, dass der Verkehr läuft, sofern die Autos nicht gerade an den schönsten Orten der Welt stehen und bewundert werden.

          Ich stehe also mit guten Gründen in diesem Stau. Ich weiß, wo ich hin will. Die anderen stehen nur herum und sind genervt, hassen einander und wären gern nicht in ihren immobilen Blechkisten auf  einer Baustelle. Keine Autowerbung wird je davon erzählen, wie diese verschwendeten Stunden sind, sie werden den absurden Verbrauch im Stadtverkehr – bei mir über 20 Liter – nicht erwähnen und auch nicht, wie hässlich und laut das ist. Das Automobil ist ein notwendiges Übel der arbeitsteiligen Gesellschaft, und die Italiener wissen schon, warum sie es konsequent aus ihren Altstädten werfen  - es sei denn, die Mille Miglia kommt vorbei und erschafft die Atmosphäre des legendären, halsbrecherischen Straßenrennens auf tausend Meilen über öffentliche Straßen wieder. Dann dürfen Autos auch vor die Engelsburg und über den Campo in Siena und Zonen, wo ansonsten niemand parken darf.

          Natürlich hat das mit der modernen Mobilität nichts mehr zu tun. Moderne Mobilität ist sicher, und wird weitgehend von Computern übernommen. Eben jene deutschen Automobilkonzerne, die hier ihre historischen Flotten auffahren lassen, arbeiten an selbstfahrenden Autos und Elektromotoren, die man nicht mehr hört. Aber an diesen Start, an dem die Menschen über Autos jubeln und sich nicht beklagen, schicken sich dann doch lieber Rekordfahrzeuge, die man aus mehreren Kilometern Abstand noch hört, und Fahrer wie Stirling Moss, der die Mille Miglia als Sieger überlebte und nicht wie viele seiner Kollegen bei diesem einst gefährlichen Rennen ums Leben kam.

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