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Militärhistorisches Museum Dresden : Ein Minenschaf zieht in den Krieg

Lichtblitze aus dem Hinterhalt: Das neu gestaltete Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden sucht seinen Platz zwischen Avantgarde, Prunk und dem Ethos des militärischen Widerstands.

          Die Anfahrt zum Militärhistorischen Museum der Bundeswehr ist eine deutsche Geschichtslektion. Durch die Dresdner Neustadt bergauf in nördlicher Richtung fahrend, biegt man in die Stauffenbergallee ein, von rechts kreuzt die Hans-Oster-Straße. Das Museum selbst, ein dreiflügeliger Arsenalbau aus cremefarbenem Sandstein, dessen neobarocke Fassade durch den Stahlkeil des Architekten Daniel Libeskind gespalten wird wie die Brust eines Sterbenden durch einen Granatsplitter, liegt am Olbrichtplatz.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Zierliche Torhäuschen und weit ausschwingende Treppenstufen weisen den Weg zum säulenstrotzenden Prunkportal. Der Lern- und Gedächtnisort, zu dem das Museum werden will, zwingt ästhetische Avantgarde, imperiales Design und das Ethos des militärischen Widerstands in ein zum Zerreißen gespanntes Bild. Die Kräfte, die das zwanzigste Jahrhundert gesprengt haben, sollen in Dresden zu einem Ganzen zusammenwachsen, zu einem Panorama aus Brüchen.

          Eine Dauerausstellung, die nie fertig wird

          Dabei steckt die Wunde, die der Libeskind-Keil dem Gebäude schlägt, auch als symbolischer Haken in der Ausstellungskonzeption. Anders als seine königlich-sächsischen, reichsdeutschen und staatssozialistischen Vorgängerbauten kann das neue Bundeswehrmuseum keine Sinnstiftungsfassade mehr vor den Objekten aufziehen, die es zeigt. Seine Wurzeln liegen in der Katastrophe des Nationalsozialismus, sein Fluchtpunkt ist die fortdauernde Gegenwart des Krieges.

          Die Militärgeschichtemuseen in London und Paris lassen ihre Schlachtbeschreibungen mit den heroisch bestandenen Prüfungen des Ersten und Zweiten Weltkriegs ausklingen. Diesen Schlussakkord kann sich das Dresdner Haus nicht leisten. Seine historische Erzählung gründet auf Dissonanzen, deshalb muss sie immer weitergehen. Die Dauerausstellung, die heute nach langer Umbauzeit eröffnet wird, ist nie fertig. Das Bundeswehrmuseum versucht erst gar nicht, diesen Widerspruch zu verbergen. Stattdessen gibt es ihm eine Form.

          Architektur mit Schockwirkung

          Hinter dem Prunkportal beginnt der Rundgang mit einer Reliquie. In einer Vitrine ruht die Erstausgabe der vielzitierten und wenig verstandenen Studie „Vom Kriege“ des preußischen Generals Clausewitz. Den „totalen Krieg“, den Clausewitz als gedankliches Konstrukt beschwor, übersetzt der schottische Videokünstler Charles Sandison an der Eingangswand zum Libeskind-Neubau in ein Wimmelbild aus „Love“ und „Hate“-Schriftzeichen, die einander in ziellosem Taumel verschlingen. Sandisons Installation, die als Glanzlicht der Ausstellung angekündigt wurde, ist in ihrer harmlosen Putzigkeit ihre erste Enttäuschung - zum Glück fast ihre einzige.

          Von hier aus soll der Besucher, so wollen es die Museumsmacher, per Fahrstuhl in den vierten Stock fahren und die Besichtigung mit dem Blick von der Aussichts-Gangway auf die Dresdner Altstadt beginnen. Ihre wahre Schockwirkung aber entwickeln die geometrischen Labyrinthe des Libeskind-Keils erst, wenn man sie von unten nach oben durchläuft. Eingeklemmt zwischen schrägen Betonwänden und gezackten Vitrinen, erlebt man die stürzenden Perspektiven der Ausstellungssäle und die turmhohen Abgründe der „vertikalen Vitrinen“ an den Keilrändern als architektonischen Hinterhalt. Der Bau selbst ist die Gewaltgeschichte, von der er erzählt.

          Das Grauen gehört dazu

          Die militärischen Großobjekte, die hier gezeigt werden - das Ur-U-Boot „Brandtaucher“ von 1850, eine V2-Rakete, ein Flakscheinwerfer, eine „Dora“-Riesengranate und diverse Kleinbunker aus dem Zweiten Weltkrieg - wirken deshalb nicht wie Fremdkörper, sondern wie das gewöhnliche Bestiarium dieser Paniklandschaft. Das Obergeschoss nimmt die Bestiariumsmetapher beim Wort. Aus dem denkmalgeschützten historischen Treppenhaus tretend, steht man vor einem Zug von Tieren, die keiner Arche Noah zustreben, sondern ihrer Verwendung in der Schlacht: der Elefant, das Pferd, das Maultier, das Minenschaf, dem schon ein Bein fehlt, der Hund mit umgeschnallter Sprengladung, der Delphin als Selbstmordattentäter.

          Um die Frage, ob ein Clip aus einem Wehrmachtsfilm, in dem eine Katze qualvoll an Giftgas zugrunde geht, in der Ausstellung gezeigt werden dürfe, gab es vor der Eröffnung Diskussionen. Aber ein Militärgeschichtsmuseum, das sich um den Anblick des Unerträglichen herumdrückt, verfehlt seinen eigenen Begriff. Das Grauen gehört zur Wahrheit des Krieges, so wie der Aufmarsch von Zinnsoldaten, Plastikkanonen, Laserschwertern und Karussellgondeln mit Panzertürmen und Raketenrampen ein Stockwerk höher zu seiner Verklärung gehört, den Schieß- und Fechtspielen, die der Bestie Mensch nicht abzugewöhnen sind.

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