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Migration und Politik : Die Stunde der Konservativen

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Pegida-Anhänger in Dresden vor dem historischen Fürstenzug: Sie sind eher überfordert als konservativ. Aber als Konservativer sollte man ihre Schwäche anerkennen. Bild: dpa

Was bedeutet es, in Zeiten der Flüchtlingkrise konservativ zu sein? Völkischer Nationalismus oder Alarmismus sind es eher nicht. Stattdessen sollte man Verlusterfahrungen ernst nehmen – bei Deutschen und Migranten gleichermaßen.

          6 Min.

          Die Flüchtlingskrise wird überschätzt. Vieles wird von der quantitativen Weiterentwicklung abhängen, aber letztlich ist die Flüchtlingsfrage für unser Land nur ein Anlass für eine öffentliche Diskussion um Einwanderungsfragen und die Frage der bisherigen und zukünftigen Integration von Migranten in der Bundesrepublik, die sich ohnehin stellen. Und dieser Diskurs um Einwanderung leidet an einem starken Moralüberschuss.

          Auf rechter Seite ist eine Remoralisierung des Eigenen zu beobachten, ein allzu bekanntes Schema, bei Krisen und Verunsicherung durch die Ethnisierung von Konflikten Ordnung zu schaffen. Auf linker und linksliberaler Seite dagegen scheint es damit getan zu sein, die richtigen Sätze – universalistische Argumente und wohlfeile Bekenntnisse – einzufordern, aber Verunsicherungen kaum ernst zu nehmen. Denn selbst wenn man nachweisen kann, dass es wenig Grund für solche Verunsicherungen gibt und dass fast alle öffentlichen Sprecher in ihren Stereotypen gefangen sind, ist das Gefühl offensichtlich wirkmächtig und abrufbar. Im Übrigen ist Verunsicherung als ein Grundgefühl in Deutschland, trotz aller ökonomischen und politischen Stabilität, älter als die gegenwärtige Flüchtlingskrise, so Renate Köcher in dieser Zeitung. Vielleicht ist dies die Stunde einer modernisierten konservativen Denkungsart.

          Konservative Denkungsart geht von der Schwäche der Menschen aus

          Aber was kann es heute heißen, konservativ zu sein? Vielleicht liegt die besondere Potenz einer konservativen Denkungsart darin, zunächst von der Schwäche der Menschen auszugehen und nicht von ihrer Stärke. Die Linken waren stets diejenigen, die eine neue Ordnung wollten. Linke haben stets, da sie das Neue in die Welt gebracht haben, eine deutliche Verbindung zwischen moralischem Argument und richtigem Handeln vorausgesetzt. Der „neue Mensch“ sollte derjenige sein, der dieses Bekenntnis umsetzt und sich vom Ballast der Tradition befreit. Die neue Welt wurde buchstäblich geschrieben. Die Welt sollte wie ein weißes Blatt Papier sein, vor dem der universalistische Denker einen Habitus lernt, der ihn zum Schöpfer einer neuen Welt machen kann.

          Wer seine Heimat aufgibt, hat nichts anderes mehr als seine Werte. Denn die bieten Orientierung und Halt.
          Wer seine Heimat aufgibt, hat nichts anderes mehr als seine Werte. Denn die bieten Orientierung und Halt. : Bild: dpa

          Pierre Bourdieu, dem großen linken französischen Soziologen, verdanken wir die Einsicht, dass der Intellektuelle eben auch, wie der Handwerker oder der Industriearbeiter, von seiner Tätigkeit bestimmt wird. Mit der Praxis dessen, der ein weißes Blatt beschreibt, wird der Autor dann mit Autorität ausgestattet und sieht nicht mehr jene Blätter, die bereits beschrieben sind – oder er wertet sie ab. Wenn man das Konservative modernisieren will, dann wohl mit der Aufmerksamkeit für die beschriebenen Blätter. Die derzeitige Situation schreit geradezu danach, beides anzuerkennen: einerseits, dass es autochthone Lebenslagen, weit entfernt von den mittelschichtsorientierten Universalismen, gibt, in denen man sich von Ängsten, Ressentiments und Überlastung in einer komplexen und unübersichtlichen Welt nicht so leicht befreien kann; andererseits migrantische Lebenslagen, die ja ebenfalls in ihren eigenen Praktiken gefangen sind.

          Pegida-Anhänger und Migranten zeigen ähnliche Reaktionsmuster

          Wir wissen aus der Migrationsforschung sehr genau, dass Migranten stets besonders konservativ sind und in der Fremde womöglich noch konservativer werden, als sie von Haus aus sind, weil dies Orientierung und Halt bietet – vielleicht eine Haltung, die sogar ein Tourist fern der Heimat an sich wahrnehmen kann, wo er seine Herkunft womöglich genauer wahrnehmen kann als zu Hause. Der niederländische Migrationsforscher Paul Scheffer etwa hat immer wieder darauf hingewiesen, dass Migrationserfahrung zunächst eine Verlusterfahrung für Migranten ist, auf die klassischerweise mit Orientierung am Eigenen reagiert wird.

          Ein ähnliches Reaktionsmuster zeigen übrigens Pegida-Anhänger. Wie die jüngsten Ergebnisse des Dresdner Politikwissenschaftlers Hans Vorländer zeigen, bilden die Pegida-Mitläufer fast einen Querschnitt der Bevölkerung ab: Es sind nicht dieselben, die in Gestalt rechter Rattenfänger dort reden, sondern tatsächlich verunsicherte Kleinbürger, die ein ähnliches Reaktionsmuster zeigen wie viele Migranten, die sich von ihrer Umwelt überfordert fühlen.

          Vieles kulminiert in der Person der Kanzlerin. Dabei gerät aus dem Blick, wie gelassen die Mehrheit der Bevölkerung doch ist.
          Vieles kulminiert in der Person der Kanzlerin. Dabei gerät aus dem Blick, wie gelassen die Mehrheit der Bevölkerung doch ist. : Bild: dpa

          Vielleicht relativieren sich damit auch Urteile – für manche Migranten-Community ist der Islam und sind Abschottung in eigenen Netzwerken ähnliche Ressourcen wie Chiffren des völkischen Nationalismus und rassistische Stereotype für den verunsicherten Kleinbürger. Die eigentlich problematischen Gruppen scheinen gar nicht diese Gruppen zu sein, sondern diejenigen, die sich in einer umfassenden Ökumene von Vereinfachern wiederfinden: hier die islamischen Vereinfacher sowie diejenigen, die die Moral des Respekts vor eigenen Traditionen, etwa im Geschlechterverhältnis, so stark machen, dass die moderne Umwelt Westeuropas als feindlich angesehen werden muss; dort eine blühende rechtsintellektuelle Szene, die der AfD und Pegida die semantischen Chiffren zur Verfügung stellt, auf die dann Großdenker wie Rüdiger Safranski oder ehemalige Linke wie Peter Schneider mit einer Wortwahl bereitwillig aufspringen. Deren Funktion kann man bei Victor Klemperer nachlesen.

          Verlusterfahrungen ernst nehmen

          Die Stunde des Konservativen schlägt nicht hier. Weder der völkische Nationalismus ist konservativ, auch nicht der Alarmismus der Selbstzerstörung (Sloterdijk), noch der politisierte Islam oder der offensive Traditionalismus mancher migrantischer Netzwerke. Konservativ zu sein muss heute heißen, die Schwäche der Menschen in ihren konkreten Handlungsfeldern zu sehen und anzuerkennen. Auch wenn es angesichts der ökonomischen und organisatorischen Potenz unseres Landes kaum Zweifel geben kann, dass wir die Flüchtlingskrise bewältigen können, so kann man an der Existenz und Wirksamkeit von Verlust-, Überforderungs- und Fremdheitserfahrungen in weiten Teilen der Bevölkerung nicht einfach mit dem Argument vorbeisehen, dass es aus der Perspektive argumentationsstarker Eliten und Mittelschichten dafür keinen Grund gibt und dass es moralisch falsch ist.

          Die Stunde der Konservativen müsste dort schlagen, wo es darum geht, solche Verlusterfahrungen ernst zu nehmen. Wer das nicht tut, überlässt den Diskurs der AfD und den Rechtsintellektuellen; und die etablierten politischen Kräfte lassen sich derzeit die Agenda exakt von dort diktieren, statt selbst die strukturellen Ähnlichkeiten wechselseitiger Verunsicherung zu sehen und anzuerkennen. Wie wir eine Ökonomie für Schwache brauchen, die trotz geringen Bildungsgrades Nischen für Arbeit finden müssen, wie wir auch eine Pädagogik für Schwache benötigen, die deren Fähigkeiten fördert, so brauchen wir vor allem eine Politik für Schwache. Konservativ zu sein bedeutet zunächst, sich den konkreten Lebensbedingungen derer zu stellen, für die unrealistische Angsterwartungen durchaus real sind, ob sie uns passen oder nicht.

          Ist ein multikultureller Konservatismus denkbar?

          Jedenfalls scheint es derzeit eine Opposition außerhalb der Parlamente und etablierten Parteien zu geben. Vielleicht muss man die Repräsentationsidee der Demokratie wirklich ernst nehmen. Denn wenn sich Erfahrungen mancher Bevölkerungsteile nicht repräsentiert sehen, kommt es fast automatisch zu außerparlamentarischer Opposition. Die Verantwortung der demokratischen politischen Kräfte besteht darin, diese Repräsentationsaufgabe ernst zu nehmen; und wie es in der Politik nach dem Zweiten Weltkrieg eine Art sozialdemokratischer Öffnung mit der „sozialen Marktwirtschaft“ der Union und der Demokratisierung sozialistischer Ziele durch die SPD gab, so bedarf es heute einer ähnlich revolutionären Wiederentdeckung des Konservativen jenseits der Parteigrenzen.

          Das konservative Denken hat stets betont, es bedürfe äußerer Institutionen und Strukturen, um die eigene Schwäche zu bewältigen. Ist ein moderner Konservatismus möglich, der diese Institutionen nicht allein in den alten Chiffren nationaler Einheit, traditioneller Lebensformen und imaginierter Leitkulturen findet, sondern sie neu erfinden kann? Ist eine konservative Denkart möglich, die auf die Überlastung des Menschen durch die moderne, unübersichtliche Welt nicht einfach mit alten Institutionen und Strukturen reagiert, aber die Frage der Erwartungssicherheit und der Überlastung ernst nimmt? Ist ein Konservatismus jenseits des Bekenntnisses zu einem abstrakten Eigenen möglich? Kann das Konservative von der Überhöhung des Nationalen lassen? Ist ein multikultureller, multireligiöser Konservatismus denkbar?

          Das Feld nicht den Vereinfachern überlassen

          Solche Fragen, die beschriebene Blätter ernst nehmen, müssen gestellt werden, um das Feld nicht den Rechten und den Vereinfachern zu überlassen, und auch, um verunsicherte migrantische Milieus in die Parteien zu holen. Dazu bedarf es einer Selbsterneuerung derer, die sich als Anwälte der konservativen Lebensformen verstehen, aber auch einer Selbstkritik derer, die die moralische Kritik der Kleinbürger vom Kommandohügel mittelschichtsorientierter Sicherheiten betrachten.

          Den konkreten Lebenslagen der Verunsicherten von allen Seiten stellt sich derzeit kaum jemand und bekommt damit übrigens auch nicht in den Blick, wie gelassen die Mehrheit der Bevölkerung doch ist und wie unproblematisch die meisten Migranten in unserem Land leben. Weder die Verunsicherten noch die Migranten dürfen über einen Kamm geschoren werden. Es wäre besser, wenn niemand geschoren würde. Wir müssen vielmehr die Denkfaulheit darüber aufgeben, wie Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft in ihren konkreten Praktiken die Welt erleben. Dass sich hier kulturell ganz unterschiedliche Milieus strukturell stark ähneln, könnte ein erster Hinweis darauf sein, in welche Richtung gedacht werden muss.

          Vieles kulminiert in der Person der Bundeskanzlerin. Vielleicht ist der Grund für ihre Unerschütterlichkeit darin zu suchen, dass sie für einen Konservatismus steht, der Institutionen und Strukturen nicht einfach als Verlängerung der Vergangenheit denkt. Und dass die Kanzlerin derzeit mehr Unterstützung von außerhalb der Union erfährt als von ihren eigenen Leuten, könnte auch ein Hinweis darauf sein, wie sich eine Perspektive jenseits des moralischen Rigorismus der intellektuellen Mittelschichten zugunsten einer in einem neuen Sinne konservativen Situationssensibilität durchzusetzen beginnt.

          Darin übrigens zeigt sich eine gewisse Kontinuität in der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik. Es musste ein grüner Außenminister sein, der den ersten Auslandskampfeinsatz der Bundeswehr auf den Weg brachte, ein sozialdemokratischer Kanzler, der Arbeitsmarktreformen ins Werk setzen konnte; und nun wird es eine christdemokratische Kanzlerin sein, die den Boden dafür bereitet, dass die Bundesrepublik ihren Status als Einwanderungsland anerkennt, für den die gegenwärtige Flüchtlingssituation nur ein Vorbote ist, der politische Gestaltung brauchen wird.

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