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Migration : Sturm auf Europa

Die Flüchtlinge nehmen Verletzungen und sogar den Tod in Kauf Bild: AP

Der Ansturm auf die spanischen Enklaven Ceuta und Melilla ist Vorbote einer Völkerwanderung. Das alte Europa wehrt sich mit immer größerer Brutalität gegen das junge Afrika und kann das Problem nicht lösen.

          6 Min.

          Jedes Bild, jede Einzelheit dieser Nächte im Nordwestzipfel Afrikas müßte in irgendeiner literarischen Phantasie schon ersonnen worden sein:

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          die schnellen Bewegungen, die selbstgefertigten langen Leitern, die gespenstische Choreographie der Gestalten, die um drei Uhr morgens alle zugleich aus dem Dickicht hervorbrechen, um den ersten der beiden Zäune zu erklimmen und möglichst schnell auf die andere Seite zu gelangen, wo das viel schwierigere Hindernis wartet, der zweite Zaun.

          Dann die Uniformierten hinter ihnen und vor ihnen. Die Schreie, die Leuchtgeschosse, der brennende Schmerz, wenn ihnen der Stacheldraht ins Fleisch dringt. Und am Ende nur die Frage, ob sie auf marokkanisches Territorium zurücksinken oder jenseits des zweiten Zauns nach vorn fallen, auf spanischen Boden, der Sicherheit verspricht. Diesen Boden, der bedeutet: nicht als Verlierer, verletzt, hungrig und gedemütigt, die Heimreise antreten zu müssen. Jene, die es geschafft hatten, so hieß es, seien „wie Besessene“ durch Melilla gerannt.

          „Glückliche”, die es über den Zaun nach Europa geschafft haben
          „Glückliche”, die es über den Zaun nach Europa geschafft haben : Bild: REUTERS

          Brutalisierung der Methoden

          Es gibt für das, was sich in der vergangenen Woche in den spanischen Enklaven Ceuta und Melilla abgespielt hat, keine literarischen Bilder. Selbst die großen Meister der Parabel, ob sie nun Jose Saramago oder J. M. Coetzee heißen, haben sich den verzweifelten, dabei sorgfältig geplanten Ansturm von weit mehr als tausend Schwarzafrikanern auf die hochgerüsteten Außenposten der europäischen Wohlstandsgesellschaften kaum vorstellen können.

          Dabei entspricht diese Befestigungsanlage ziemlich genau dem, was sich die Erste Welt als Schutzwall gegen die Dritte Welt einfallen ließ. Migrationsforscher und Menschenrechtsorganisationen benennen schon seit längerem unseren ganz normalen Umgang mit dem „Flüchtlingsproblem“: abschotten, bewachen, umzäunen.

          Und sollte doch einer durchschlüpfen, ab ins Lager mit ihm. Manchen könnten die Immigranten an das Heer der Orks bei Tolkien erinnern, das sich zum Angriff auf Mittelerde in Marsch setzt. Je weniger lösbar das Problem erscheint, desto bereitwilliger nehmen wir die Brutalisierung der Methoden hin.

          Die „Vermehrungsmeute“ als literarische Idee

          Die spanische Rechtslage hat dafür gesorgt, daß die Auffanglager für Immigranten fast gleichbedeutend mit einem künftigen Arbeitsaufenthalt in Europa sind. Von hier kann kaum jemand abgeschoben werden, wenn seine juristische Lage nicht geklärt ist, und da die Immigranten nicht mit gültigen Papieren kommen und ihre Personenangaben kaum nachprüfbar sind, verwandeln sich die überfüllten Lager in das heißersehnte Ziel der Elendsmärsche.

          Und es hört nicht auf: Am frühen Montagmorgen haben abermals 650 Immigranten in Melilla den Ansturm gewagt und gleich den Zaun niedergerissen; dreihundert von ihnen befinden sich jetzt nach Angaben von „El Pais“ auf spanischem Boden.

          Wenn es für dieses monströse Geschehen am Südrand Europas schon keine literarische Gestaltung gibt, vielleicht hilft ja eine literarische Idee. Es ist Elias Canettis Begriff von der „Vermehrungsmeute“ aus seinem großen Essay „Masse und Macht“. Der Mensch, heißt es dort, mußte sich im Kampf gegen die Tiere immer seiner spärlichen Nachkommenschaft, also seiner numerischen Unterlegenheit, bewußt bleiben.

          Masse als Waffe

          Dasselbe galt für den bewaffneten Konflikt. „Im Kriege wollte man stärker als die feindliche Horde sein“, schreibt Canetti. „Jeder Tod aber, den man zu beklagen hatte, besonders wenn es um einen erfahrenen und tätigen Mann ging, war ein ganz einschneidender Verlust. Die Schwäche des Menschen war seine geringe Zahl.“

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