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Migration  : Die letzten Meter der Reise

  • -Aktualisiert am

Flüchtlinge bei der Ankunft im Hafen von Lampedusa Bild: dpa

Natürlich ist Migration ein Problem: für die Migranten, für die Länder, welche die Migranten aufnehmen - und nicht zuletzt für die Herkunftsländer. Man löst das Problem aber nicht, indem man es verdrängt.

          Flüchtlingswellen bilden sich nicht über Nacht. Lange bevor es nötig wird, in unseren Gemeinden die Container aufzustellen, machen sich die Menschen auf den Weg. Und doch wird so getan, als könnte man dem globalen Phänomen der massenhaften Migration mit den Mitteln unseres Ausländerrechts, den Ressourcen der Kommunen, den Gulaschkanonen des Technischen Hilfswerks gerecht werden. Das sind aber nur die letzten Meter der langen Reise.

          Um abzuschätzen, wer und was auf uns Europäer zukommt, wäre es wichtiger, rechtzeitig Orte wie das Zaatari Camp im Norden Jordaniens zu besuchen, nur wenige Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Hier entstand zu Beginn des syrischen Bürgerkriegs eine Container- und Zeltsiedlung, in der nun schätzungsweise 120000 Menschen leben.

          Völlig unerwartete Probleme

          Als Martin Schulz, der Präsident des europäischen Parlamentes, zu Beginn dieses Jahres Zaatari besuchte, hörte er von in diesem Kontext völlig unerwarteten Problemen. Der Leiter des Lagers, der Deutsche Kilian Kleinschmidt vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR, war in jenen Tagen damit beschäftigt, etwas aufzutreiben, dessen dringende Erforderlichkeit in solch einem Lager nicht jedem gleich einleuchten dürfte: Er brauchte dringend Stromzähler. Denn die Flüchtlinge hatten eine Infrastruktur geschaffen. 2500 Läden gibt es auf dem weiten, flachen, 3,3 Quadratkilometer großen Areal. Die Menschen dort erwirtschaften ein jährliches Bruttosozialprodukt von mehr als zehn Millionen Euro. Sie haben also Geld, für den verbrauchten Strom auch zu bezahlen, aber wie rechnet man ihn ab? Es ist eine wichtige Frage in den ohnehin angespannten Beziehungen zwischen den Zuwanderern und der jordanischen Aufnahmegesellschaft.

          Infrastrukturiert: Ein Friseur im Flüchtlingslager von Al Zaatari - schneidet Haare und bildet aus.

          Kleinschmidts jordanischer Kollege, ein beleibter Polizist in Uniform, stöhnte: Diese Syrer, die hätten eine Händlerseele - „they have this commercial mentality“. Er schien das als Belastung zu empfinden, als Konkurrenz für die eingesessenen Unternehmer. Die syrischen Flüchtlinge sind besser ausgebildet als die jordanischen Bürger und würden losziehen, in die umliegenden und weiter entfernt liegenden Dörfer, um ihre Arbeitskraft zu geringen Löhnen anzubieten. Warum sollten sie nicht noch weiter wandern?

          Wer es bis hierhin schafft, schafft es auch weiter. Das mag mitunter etwas dauern, aber nun, da das Jahr dem Ende zugeht, sind sie da. Und außerdem die aus Libyen, aus Eritrea, dem Kongo und Mali. Die europäische Politik ist einigermaßen hilf-, vor allem aber sprachlos. Es war nicht besonders vorausschauend, über Jahrzehnte mehr oder weniger zurechnungsfähige Diktatoren zu stützen, sie, wie Assad und diverse afrikanische Machthaber, auf die Tribüne der Militärparade zum Quatorze Juillet an den Champs-Élysées zu bitten oder Gaddafi mitten in Paris seine Zelte aufschlagen zu lassen. Diese ganze Strategie der, wie es Bernard-Henri Lévy einmal in einem Interview ausdrückte, „Blowjobs für Diktatoren“, hat verhindert, dass sich in den Ländern des Nahen Ostens und Afrikas eine bürgerliche Mittelschicht entwickelte oder auch nur eine von gegenseitigem Vertrauen geprägte gesellschaftliche Ordnung. Nun zerbrechen diese Staaten. Migration ist nicht die Schuld derer, die sich auf den Weg machen.

          Politisches Vitamin für euroskeptische Parteien

          Sie ist dennoch ein Problem. Sozialwissenschaftler eher linker Observanz wie Robert Putnam und Richard Layard haben es, zu ihrem eigenen Unbehagen, festgestellt: Menschen fühlen sich in einer stabilen und kulturell einigermaßen vertrauten Umgebung einfach wohler. Große Zu- und Abwanderungsbewegungen erschweren die Vertrauensbildung in der Nachbarschaft und erzeugen Gefühle der Hilflosigkeit, Frust und auch Hass. Das legt sich wieder mit der Zeit, insbesondere wenn es gelingt, die Neuen in den Arbeitsmarkt zu integrieren; wenn sie die Sprache lernen und wenn der Prozess ihrer Ansiedlung den Leuten erklärt wird. Denen, die ankommen, aber auch denen, die schon vorher da waren.

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