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Michel Houellebecq in Köln : Erschöpfungsgeschichte in neuem Lichte

  • -Aktualisiert am

Bild: Müller, Norbert

Michel Houellebecq hatte sich seit den Anschlägen auf die „Charlie Hebdo“-Redaktion zurückgezogen. Mit der Vorstellung der deutschen Ausgabe seines provokanten Romans „Unterwerfung“ kehrt er nun in Köln ins Rampenlicht zurück.

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          So etwas gab es lange nicht mehr, eine literarische Lesung, die als Kristallisationspunkt brandheißer europäischer Identitätsdebatten fungierte und Vertreter des gesamten deutschen Feuilletons, der Verlagsszene und der französischen Presse zusammenführte. Selbst die Veranstaltungsprofis der hiermit voreröffneten fünfzehnten lit.Cologne wirkten ein wenig nervös. Höchst selten auch beginnen Lesungen mit einem quasi offiziellen Statement des Autors. Michel Houellebecq hatte nach den Anschlägen von Paris die Lesereise zu seinem soeben wuchtig in die literarische Welt einschlagenden Debattenroman „Soumission“ abgebrochen, nicht weil Frankreichs Regierungschef Manuel Valls und andere den Roman als Dokument der Intoleranz kritisiert haben, sondern weil Frankreichs profiliertester Schriftsteller um seinen in der Redaktion von „Charlie Hebdo“ ermordeten Freund Bernard Maris trauerte.

          Bei seinem ersten Auftritt seit den Attentaten anlässlich der Vorstellung der deutschen Ausgabe von „Unterwerfung“ (150.000 Exemplare sind bereits ausgeliefert; gerade werden im Dumont Buchverlag die dritte und vierte Auflage vorbereitet: noch einmal 120.000 Exemplare) richtete Houellebecq mit tastender Stimme und zotteligem Haar seine ersten Worte an die gesamte Öffentlichkeit, „um die in Interviews nicht immer wiederholen zu müssen“. Sie waren eine Verneigung vor der heldenhaften „Sturköpfigkeit“ der „Charlie Hebdo“-Redakteure und – tatsächlich einmal ganz unironisch – vor dem Einstehen seiner Landsleute für die Meinungsfreiheit.

          Keine Islamophobie, nirgends

          Er habe es in Interviews nicht leicht gehabt, sagte Houellebecq, stets erklären zu müssen, dass sein Roman keineswegs islamophob sei. (Tatsächlich muss man das Buch eher anthropophob, zumindest misanthropisch nennen.) Inzwischen sei die Situation noch komplizierter geworden, denn nicht nur die Abwesenheit von Islamophobie müsse er nun erklären, sondern auch, dass man einen islamophoben Roman jedoch durchaus schreiben dürfte, wenn man es denn wollte. Er bereue beinahe, dass „Unterwerfung“ nicht islamophob sei, dann wäre die Botschaft nun eindeutiger gewesen.

          Aber sein Buch, in dem sich ein abgehalfterter, deprimierter französischer Literaturwissenschaftler, nicht nur Experte für Joris-Karl Huysmans, sondern in letzter Konsequenz auch sein Wiedergänger, aus niederen Beweggründen dem zur Staatsreligion gewordenen Islam unterwirft und so zur Zufriedenheit findet, stehe vielmehr dafür, dass man sich von keiner Seite vereinnahmen lassen dürfe. Tatsächlich putschen sich in Houellebecqs Dystopie die regierenden Muslimbrüder 2022 nicht einfach an die Macht. Sie verdanken ihren Sieg ironischerweise dem Erstarken des rechtsextremen Front National und der ebenfalls rechten Bewegung der Identitären, deren opportunistische Vertreter im Gegensatz zu den Vertretern des Islam mit beißendem Spott überzogen werden. So gemäßigt die islamische Regierung sich gibt, für Frauen, die auf der Stelle alle Rechte verlieren, und für Juden erweist sie sich als Zumutung.

          Ein Buch nicht nur für Frankreich

          Dieses Buch geht uns an, ganz direkt. Man muss dafür gar nicht unbedingt nach Frankreich schauen, dessen politische Situation Houellebecq später im Gespräch mit Nils Minkmar, Feuilletonredakteur dieser Zeitung, in gewohnt schwarzen Farben ausmalte, indem er einen weiteren Vormarsch des Front National prognostizierte. Allein Zeit und Ort dieses Auftritts Houellebecqs können dafür stehen, wie nah uns die hier verhandelten Debatten sind. Es ist schließlich der Abend, an dem die deutsche Pegida-Bewegung wieder marschiert und in Dresden ihren antiislamischen Protest aufgrund von islamistischen Anschlagsdrohungen erstmals abgesagt hat. Der Bürgerkrieg, der bei Houellebecq tobt, allerdings lediglich aus den Augenwinkeln wahrgenommen wird, scheint so weit manchmal gar nicht entfernt. Pegida-Anhänger ihrerseits könnten „Unterwerfung“ als Bestätigung ihrer schlimmsten Befürchtungen lesen, gingen damit aber freilich der eigenen Karikatur auf den Leim.

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