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Houellebecq über Religion : Was glauben Sie denn?

  • -Aktualisiert am

Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq Bild: P. Matsas/Opale/Leemage/laif

Er bezeichnet sich als Atheist, einige seiner Figuren konvertierten zum Islam: Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Michel Houellebecq über die vielen Facetten der Religion.

          11 Min.

          Es wird heute unentwegt von der „Rückkehr des Religiösen“ gesprochen: Was halten Sie von diesem Begriff? Machen Sie ihn sich zu eigen?

          Ja, ich würde sogar von einer offenkundigen Rückkehr des Religiösen sprechen. Ich erinnere mich, als ich ganz zum Ende der neunziger Jahre Frankreich verließ, machte der bei der Jugend beliebteste Radiomoderator Frankreichs, Maurice, recht häufig Sendungen zum Problem der Banlieues, in denen er selbst aufgewachsen war. Das lässt sich alles im Internet finden, und wenn man sich diese Sendungen anhört, wird einem bewusst, dass er eine Stunde lang über die Banlieues reden konnte, ohne ein einziges Mal das Wort Islam zu verwenden. Ich bin im Jahr 2010 zurückgekehrt, und es wurde nur noch darüber gesprochen: Es war wirklich eklatant. In jüngerer Zeit konnte man auch den Eindruck gewinnen, es hätte ein Erwachen des Katholizismus gegeben, und das ist ganz und gar erstaunlich, weil der Katholizismus schon totgesagt war. Dieses Phänomen der Rückkehr des Religiösen ist also zunächst einmal völlig unvorhersehbar. Wer sagt, er habe es vorhergesehen, lügt: Das hat niemand kommen sehen. Es ist ein Phänomen von großer Plötzlichkeit, es hat sich mitunter im Laufe weniger Jahre vollzogen, und ich glaube nicht, dass es sich leugnen lässt. Ich habe beispielsweise das letzte Buch von Michel Onfray gelesen, das den Titel „Décadence“ trägt. Das ist schon sehr merkwürdig, wenn man an die ersten Bücher von Michel Onfray denkt; gut, er war Atheist, aber es ist so offensichtlich, dass er es nicht einmal aussprechen musste: Die Tätigkeit der katholischen Kirche war an ihr Ende gekommen, sie war in einem langsamen Sterben begriffen. Und in diesem Buch – das ist lobenswert, denn das tun wenige Intellektuelle – hat er sich eines Besseren belehren lassen, er hat seine Meinung geändert und festgestellt, dass die Religionen wieder zu einer bedeutenden historischen Kraft geworden sind.

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