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Rede zum Schirrmacher-Preis : Houellebecq: „Ich bin ein halber Prophet“

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Man kann auf jeden Fall behaupten, dass es angesichts meines Alters wenig wahrscheinlich ist, dass ich in meinen zukünftigen Werken noch einmal fundamental neuen Ideen Ausdruck verleihen werde. Ich befinde mich also hier vor Ihnen in einer seltsamen Lage, da meine einzigen wahrhaftigen Gesprächspartner gestorben sind. Es gibt in Frankreich noch begabte Schriftsteller, es gibt in Frankreich noch schätzenswerte Intellektuelle, aber mit ihnen ist es nicht das Gleiche wie mit Muray oder Dantec. Heute interessiert es mich zwar, was die anderen schreiben, aber es fasziniert mich nicht wirklich. Es passiert mir, dass ich mich frage, warum ich noch am Leben bin.

Befreiung des Denkens

Ist das eine Frage der literarischen Begabung? Ja, sicher, das spielt mit, aber im Grunde ist es nicht wesentlich. Muray und Dantec besaßen große literarische Begabung, ein seltenes Talent, aber was noch seltener ist: Sie schrieben, ohne jemals an Anstandsregeln oder Konsequenzen zu denken. Sie scherten sich nicht darum, ob sich diese oder jene Zeitung von ihnen abwandte, sie akzeptierten es gegebenenfalls, vollkommen allein dazustehen. Sie schrieben einfach, und einzig und allein für ihre Leser, ohne jemals an die Begrenzungen und Befürchtungen zu denken, die die Zugehörigkeit zu einem Milieu einschließt. Mit anderen Worten: Sie waren freie Männer.

Und ihre Freiheit war befreiend. Dank ihnen sind die französischen Intellektuellen heute in einer neuen Lage, so neu, dass sie sie noch gar nicht ganz ermessen haben: Sie sind frei. Sie sind frei, denn sie sind befreit aus der Zwangsjacke der Linken. Und sie sind auch deshalb frei, weil sie nicht mehr leiden (oder jedenfalls weniger leiden) unter der Art von Faszination, von heiligem Zauber, der auf ihre Vorgänger ausgeübt wurde durch die vorgeblich großen Denker des voraufgegangenen Jahrhunderts. Mit anderen Worten: Die heiligen Kühe sind tot. Der Erste, der von diesem scheinbar unhintergehbaren Horizont des Denkens verschwand, war Marx. Eine ganze Weile später ist Freud ihm ins Grab gefolgt. Das ist noch ganz und gar nicht der Fall bei Nietzsche, aber ich bin guter Dinge, dass auch dies in nicht allzu langer Zeit geschehen wird.

Man kann nicht sagen - darauf bestehe ich -, dass die französischen Intellektuellen „sich befreit hätten“. Die Wahrheit ist: Wir waren es, die sie befreit haben, wir haben mit dem gebrochen, was sie hemmte, und ich bin einigermaßen stolz, an der Seite von Philippe Muray und Maurice Dantec mein Teil dazu beigetragen zu haben. Keiner von uns dreien ist meiner Meinung nach das gewesen, was man einen großen Denker nennen könnte, dazu waren wir wahrscheinlich zu sehr Künstler, aber wir haben das Denken befreit. Jetzt ist es an den Intellektuellen, sich ans Denken zu machen. Und wenn sie ein neues Denken hervorbringen können, das dann auch zu tun.

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