https://www.faz.net/-gqz-8lswx

Rede zum Schirrmacher-Preis : Houellebecq: „Ich bin ein halber Prophet“

  • -Aktualisiert am

Man kann auf jeden Fall behaupten, dass es angesichts meines Alters wenig wahrscheinlich ist, dass ich in meinen zukünftigen Werken noch einmal fundamental neuen Ideen Ausdruck verleihen werde. Ich befinde mich also hier vor Ihnen in einer seltsamen Lage, da meine einzigen wahrhaftigen Gesprächspartner gestorben sind. Es gibt in Frankreich noch begabte Schriftsteller, es gibt in Frankreich noch schätzenswerte Intellektuelle, aber mit ihnen ist es nicht das Gleiche wie mit Muray oder Dantec. Heute interessiert es mich zwar, was die anderen schreiben, aber es fasziniert mich nicht wirklich. Es passiert mir, dass ich mich frage, warum ich noch am Leben bin.

Befreiung des Denkens

Ist das eine Frage der literarischen Begabung? Ja, sicher, das spielt mit, aber im Grunde ist es nicht wesentlich. Muray und Dantec besaßen große literarische Begabung, ein seltenes Talent, aber was noch seltener ist: Sie schrieben, ohne jemals an Anstandsregeln oder Konsequenzen zu denken. Sie scherten sich nicht darum, ob sich diese oder jene Zeitung von ihnen abwandte, sie akzeptierten es gegebenenfalls, vollkommen allein dazustehen. Sie schrieben einfach, und einzig und allein für ihre Leser, ohne jemals an die Begrenzungen und Befürchtungen zu denken, die die Zugehörigkeit zu einem Milieu einschließt. Mit anderen Worten: Sie waren freie Männer.

Und ihre Freiheit war befreiend. Dank ihnen sind die französischen Intellektuellen heute in einer neuen Lage, so neu, dass sie sie noch gar nicht ganz ermessen haben: Sie sind frei. Sie sind frei, denn sie sind befreit aus der Zwangsjacke der Linken. Und sie sind auch deshalb frei, weil sie nicht mehr leiden (oder jedenfalls weniger leiden) unter der Art von Faszination, von heiligem Zauber, der auf ihre Vorgänger ausgeübt wurde durch die vorgeblich großen Denker des voraufgegangenen Jahrhunderts. Mit anderen Worten: Die heiligen Kühe sind tot. Der Erste, der von diesem scheinbar unhintergehbaren Horizont des Denkens verschwand, war Marx. Eine ganze Weile später ist Freud ihm ins Grab gefolgt. Das ist noch ganz und gar nicht der Fall bei Nietzsche, aber ich bin guter Dinge, dass auch dies in nicht allzu langer Zeit geschehen wird.

Man kann nicht sagen - darauf bestehe ich -, dass die französischen Intellektuellen „sich befreit hätten“. Die Wahrheit ist: Wir waren es, die sie befreit haben, wir haben mit dem gebrochen, was sie hemmte, und ich bin einigermaßen stolz, an der Seite von Philippe Muray und Maurice Dantec mein Teil dazu beigetragen zu haben. Keiner von uns dreien ist meiner Meinung nach das gewesen, was man einen großen Denker nennen könnte, dazu waren wir wahrscheinlich zu sehr Künstler, aber wir haben das Denken befreit. Jetzt ist es an den Intellektuellen, sich ans Denken zu machen. Und wenn sie ein neues Denken hervorbringen können, das dann auch zu tun.

Weitere Themen

Zwischen Horrorfilm und Neorealismus Video-Seite öffnen

Filmkritik „Wo ist Kyra?" : Zwischen Horrorfilm und Neorealismus

"Wo ist Kyra?" von Fotograf Andrew Dosunmu ist ein Hollywood-Film und Arthouse zugleich. Und beides auch wieder nicht. Denn die Zielgruppen beider Genre müssen sich an etwas gewöhnen, das sie sonst ablehnen. Warum der Film sowohl inhaltlich als auch künstlerisch sehenswert ist, verrät F.A.Z.-Redakteur Dietmar Dath.

Die Drift nach oben Video-Seite öffnen

Landkarte des Kunstmarkts : Die Drift nach oben

Die Preise für Kunst sind absurd? Nein. Sie sind das realistische Abbild des globalen Reichtums. Eine Landkarte des Kunstmarkts, der in Wirklichkeit schrumpft und nur knapp dem Umsatz von Rewe entspricht.

Topmeldungen

EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber

Streit um EU-Jobs : EVP-Kandidat Weber greift Macron an

Manfred Weber geht im Ringen um den Job als EU-Kommissionspräsident in die Offensive. Er wirft seinen Gegnern destruktives Verhalten vor und warnt: „Die Frustration von Wählern ist absehbar.“

Charismatisch und skrupellos : Was will Boris Johnson?

Er ist Held der englischen Nationalisten und Favorit für den Vorsitz der Konservativen. Einen echten Plan für den Brexit hat der begabte Scharlatan noch immer nicht.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.