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Rede zum Schirrmacher-Preis : Houellebecq: „Ich bin ein halber Prophet“

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Maurice Dantec selbst definiert sich als „gläubigen und zionistischen Kämpfer“. Was er von uns im Westen verlangt, ist, wieder zu denen zu werden, als die uns die Djihaddisten zu Unrecht beschreiben: uns wieder in Gekreuzigte zu verwandeln. Einzig eine spirituelle Macht wie das Christentum oder das Judentum wäre seiner Meinung nach imstande, mit einer anderen spirituellen Macht wie dem Islam zu kämpfen.

Paradoxer Hoffnungsschimmer

An dieser Stelle bin ich versucht, sehr weit auszuholen, weil ich gerade Lamartines „L’histoire des Girondins“ lese, die recht eigentlich eine Geschichte der Französischen Revolution ist. Was einen zuallererst verwundert in diesem Buch, ist der Glaube, der die französischen Revolutionäre beseelt, ein Glaube, der sie unsinnige Akte des Heldentums hat vollführen lassen und der es ihnen erlaubt hat, das verbündete Europa militärisch zu besiegen, und das, während im Land selbst mehrere Bürgerkriege tobten. Haben wir heute, wir anderen liberalen Demokraten zu Beginn des 21. Jahrhunderts, denselben republikanischen Glauben? Die Frage zu stellen heißt, sie schon zu beantworten.

Was allerdings auch erstaunt, ist die monströse Grausamkeit der französischen Revolutionäre. Man kann verstehen, wenn Joseph de Maistre die Französische Revolution als eine vollständig satanische Veranstaltung ansieht. Alle vier oder fünf Seiten bei Lamartine werden auf Lanzen aufgespießte abgeschlagene Köpfe herumgetragen. Und ohne Unterbrechung diese abscheulichen Geschichten. Da gibt es die berühmteste, jene der Prinzessin von Lamballe, deren Vulva an ihrem Leichnam zerschnitten wurde - von einem Aufrührer, der sich einen falschen Bart daraus machte. Da sind die abgeschlagenen Köpfe, die man zum Kegeln benutzte. Die Kinder, die ihren Eltern das Grab schaufeln mussten. Wiederholte Szenen, in denen der Helfer des Henkers einen von der Guillotine herabgefallenen Kopf zurückholt, um ihn unter den Anschuldigungen des Publikums zu ohrfeigen. Neben den französischen Revolutionären erscheinen die Menschen des „Islamischen Staates“ beinahe zivilisiert.

An diesem Punkt gibt es einen Zweifel, den ich mit Ihnen teilen möchte: einen pascalschen sinistren Zweifel, der aber paradoxerweise einen Hoffnungsschimmer bergen kann. Die herkömmliche Idee ist, dass das menschliche Wesen zum Heldentum wie zur Grausamkeit fähig wird, weil es durch einen Glauben beseelt ist; meistens religiös, mitunter revolutionär. Der pascalsche Zweifel meint, dass der Mensch mitunter von einer Trunkenheit der Gewalt, der Grausamkeit, des Gemetzels ergriffen wird und dass er dann als Vorwand irgendeinen beliebigen Glauben verwendet, am häufigsten einen religiösen, um seine Taten zu rechtfertigen.

Das Schicksal der anderen

Also, die Grausamkeit und das Gemetzel breiteten sich aus und verzehrten das Land. Und dann, mit einem Schlag, hört das auf. Warum hat die Französische Revolution ein Ende genommen? Warum wurden die Menschen mit einem Schlag dieser Blutorgie überdrüssig? Darüber wissen wir nichts. Mit einem Mal, ohne ersichtlichen Grund, ließen die Menschen nach, und die Gier nach Blut verschwand. Und vielleicht wird einfach so, ohne wirklichen Grund, auf konfuse Weise und wenig spektakulär auch der „Islamische Staat“ enden.

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