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Rede zum Schirrmacher-Preis : Houellebecq: „Ich bin ein halber Prophet“

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Im Augenblick könnte man ja nicht sagen, wie sich in Europa der gemäßigte Islam manifestiert. So gesehen, könnte man sagen, ich wäre ein schlechter Prophet gewesen. Es gibt da nur diese kleinen Anzeichen, die sich langsam bemerkbar machen. Zunächst - und tatsächlich wie in meinem Buch - wäre da die Biegsamkeit des Rückgrats der europäischen Universitäten, insbesondere der französischen: die Leichtigkeit, mit der sie gleich welche Konzession machen, sobald wichtige Finanzierungen, die aus den Golf-Monarchien stammen, auf dem Spiel stehen. Da entdeckt man sie wieder, die natürliche Eignung der Franzosen zur Kollaboration.

Dann der Umstand, dass junge Mädchen in vielen Stadtteilen mehr und mehr davon absehen, sich sexy oder provozierend zu kleiden, damit sie in Ruhe gelassen werden. Tatsache ist, und das fiel mir neulich wieder ein, dass die jungen Mädchen heute, verglichen mit meiner Jugend, sehr viel weniger aufregend gekleidet sind. Zu beurteilen, ob das nun eine schlechte Sache ist oder nicht, ist übrigens eine ambivalente Frage für mich - mir scheint, man könnte aus meinen Büchern radikal entgegengesetzte Schlüsse ableiten, mit gleicher Plausibilität.

Maurice Dantec verstand

Kurz, man könnte sagen, ich bin ein Prophet im halben Sinn des Wortes, ein Prophet, dessen Vorhersagen sich nur sehr langsam realisieren. Und jetzt zu Maurice Dantec - was hat er vorhergesagt? Vor allen anderen: das Auftreten des Djihadismus. Das Wiedererscheinen eines angreifenden, gewalttätigen Islams, angetrieben von Welteroberungsplänen, eines Islams, der Attentate durchführt und die ganze Welt mit Bürgerkrieg überzieht. Was hat Dantec in den Stand versetzt, diese unglaubliche Intuition zu entwickeln? Unbestreitbar die Tatsache, dass er während des Balkan-Krieges nach Bosnien gegangen ist - nach Bosnien, das eines der ersten Länder war, in denen der internationale Djihadismus seine Leute ausbildete. Das war es: Maurice Dantec ist nach Bosnien gefahren, und er hat verstanden, was dort gerade geschah. Er war der Einzige.

Aber am faszinierendsten ist, welche Position Maurice Dantec daraufhin eingenommen hat. Die Haltung unserer Regierungen - insbesondere der französischen - war doch, grob gesagt, diese: „Wir werden siegen, denn unsere Werte sind die stärkeren: Die Trennung von Kirche und Staat, die Demokratie, der Liberalismus, die Menschenrechte et cetera.“ Und noch dazu (aber davon sprechen sie nicht) sind wir die besser Bewaffneten.

Es gibt einen kaum bekannten Text von Philippe Muray, der 2002 unter dem Titel „Liebe Djihadisten“ veröffentlicht wurde und von einer sehr dunklen Ironie durchtränkt ist. Lassen Sie mich Ihnen einen Auszug daraus vorlesen: „Liebe Djihadisten! Fürchtet den Zorn des Mannes in Bermudashorts! Fürchtet die Wut des Konsumenten, des Reisenden, des Touristen, des Urlaubers, der aus seinem Wohnwagen steigt! Ihr stellt Euch vor, wie wir uns suhlen in unseren Freuden und Vergnügungen, die uns haben verweichlichen lassen.“ An anderer Stelle mokiert er sich sanft über Salman Rushdie, der über die Islamisten schreibt: „ Sie wollen uns alle guten Dinge des Lebens nehmen: Schinkensandwiches und Miniröcke . . .“ Wieder an anderer Stelle bezeichnet er „Le Monde“ als „quotidien de révérence“, also als Tageszeitung der Verneigung (statt référence, Referenzblatt im eingangs erwähnten Sinne; die Red.), oder als „quotidien de déférence“ (Journal der Ehrerbietung).

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