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Rede zum Schirrmacher-Preis : Houellebecq: „Ich bin ein halber Prophet“

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„Ich lehne die Bescheidenheit ab“

Das Kurioseste an Lindenbergs Schrift ist, dass die Hauptangeklagten, die „Neuen Reaktionäre“, die am häufigsten und ausgiebigsten Zitierten, streng genommen nicht etwa die Intellektuellen waren. Es handelte sich um Maurice Dantec, Philippe Muray und mich. Ich habe den Eindruck, dass weder Maurice Dantec noch Philippe Muray im deutschsprachigen Raum sehr bekannt sind. Das bedauere ich, aber ich werde gleichwohl von ihnen sprechen, denn ich finde Lindenbergs Wahl ganz vortrefflich. Die Ideen von Muray und Dantec verdienen Verbreitung, sehr viel mehr als jene der meisten Intellektuellen und auch mehr als meine.

Das ist keine Bescheidenheit; ich weiß, was ich als Autor wert bin, ich war noch nie bescheiden, und ich lehne die Bescheidenheit auch ab. Das ist vielmehr eine Tatsache: Ich betrachte Muray und Dantec als mir intellektuell leicht überlegen.

Zunächst: Wen würde man in Frankreich als Intellektuellen bezeichnen? Soziologisch gesprochen, ist das eine ganz präzise Sache. Es ist jemand, der fleißig studiert hat, am besten an der École Normale Supérieure, mindestens aber an einer Universität, Fachbereich Literatur oder Geisteswissenschaften. Es ist jemand, der ab und zu Essays veröffentlicht. Der einen hinreichend wichtigen Platz in einer Zeitschrift besetzt, die sich den intellektuellen Debatten widmet. Und dessen Name regelmäßig unter Meinungsstücken zu Ideendebatten steht, in den entsprechenden Rubriken der wichtigsten Tageszeitungen.

Weder Dantec noch Muray oder ich erfüllen auch nur eines dieser Kriterien. Wir wären eher als Schriftsteller zu bezeichnen, was eine davon verschiedene soziologische Kategorie ist. In Wirklichkeit gibt es sogar nur ganz wenig Berührung zwischen Intellektuellen und Schriftstellern. Vor dem Erscheinen von Lindenbergs Buch kannte ich keinen der zitierten Intellektuellen persönlich, ich hatte niemals Gelegenheit gehabt, ihnen zu begegnen. Dagegen kannte ich Muray und Dantec sehr gut.

Gottes tragische Koinzidenzen

Mitunter werde ich betrachtet wie eine Art Prophet, während es mir doch offensichtlich erscheint, dass meine prophetischen Fähigkeiten weit geringer ausgebildet sind als die meiner zwei Kameraden. Was diese Illusion erzeugt hat, ist, dass es manchmal seltsame Koinzidenzen gibt zwischen dem Erscheinen meiner Bücher und anderen weitaus dramatischeren Ereignissen. Es stimmt, mein Roman „Soumission“ (Unterwerfung) ist in Frankreich am Tag der Anschläge auf „Charlie Hebdo“ erschienen. Weniger bekannt ist, dass ich der „New York Times“ ein Interview über „Plattform“ gegeben hatte - ein Interview, in dem der Journalist übrigens fand, ich übertriebe wahrscheinlich die islamistische Gefahr. Nun - dieses Interview ist in der „New York Times“ vom 11. September 2001 erschienen. Kurzum, es scheint, dass Gott (oder das Schicksal oder eine andere grausame Gottheit) sich damit amüsiert, unter Benutzung meiner Bücher tragische Koinzidenzen zu erzeugen.

Aber wenn man das größere Bild betrachtet, was genau habe ich da prophezeit? In „Unterwerfung“ die Machtergreifung eines moderaten Islams, dem sich ein Europa, das seinen Werten abgeschworen hat, die ihm im Grunde nicht mehr passen, unterwerfen würde.

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