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Rede zum Schirrmacher-Preis : Houellebecq: „Ich bin ein halber Prophet“

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Der „Neue Progressivismus“ hat seinen perfekten und vollständigen Ausdruck mit einer Publikation im Jahr 2002 erreicht - einem schmalen Band von Daniel Lindenberg von wenig mehr als siebzig Seiten mit dem Titel „Aufruf zur Ordnung“ und dem Untertitel „Untersuchung der Neuen Reaktionäre“. Ich war einer der Hauptangeklagten, einer der vordersten in der Reihe der Neuen Reaktionäre. Der Untertitel machte den Eindruck, der Autor wollte ausdrücken, dass die neuen Reaktionäre sich eines Aufrufs zur Ordnung schuldig gemacht hätten. Tatsächlich schien es mir aber, ich selbst sei es, der zur Ordnung gerufen werden sollte: „Achtung, Sie haben vergessen, sich der Linken zuzuschlagen, aber Sie können das noch korrigieren.“

Ein unvorstellbares Sperrfeuer

Zu Beginn des Jahres 2016 ist eine Neuauflage des Büchleins erschienen. Auf dem Umschlag gibt es nun einen roten Streifen, auf dem es heißt „Die Vorhersage“, und es gibt ein unveröffentlichtes Nachwort des Autors, aus dem ich Ihnen jetzt einen Auszug vorlese, um Ihnen zu zeigen, in welchem Ausmaß er mit sich selbst zufrieden ist. „Ein unvorstellbares Sperrfeuer hat 2002 das Erscheinen dessen begleitet, was andere verächtlich ein Pamphlet genannt haben. Seither ist viel Wasser unter den Brücken hindurchgeflossen. Die Thesen, die ich, umgeben von allgemeiner Skepsis, damals aufstellte, werden heute als fruchtbar betrachtet.“

Lindenberg hat recht, wenn er sagt, sein Buch sei 2002 schlecht aufgenommen worden. Man hat ihm vorgeworfen, alles durcheinanderzuwerfen und unter dem Etikett „Neue Reaktionäre“ Leute zusammenzufassen, deren Meinungen auf nichts dergleichen zu schließen erlaubten. Da muss ich ihn paradoxerweise verteidigen. Es stimmt: Er subsumiert Menschen, deren Gedanken nichts damit zu tun haben. Aber wenn die Neuen Reaktionäre derart verschieden voneinander sind, derart unterschiedlich, dass sie definitiv nichts miteinander gemein haben, dann ist dies so, weil ihre Gegner, die neuen Progressivisten, ein enger denn je definierter, äußerst kleiner und äußerst anspruchsvoller Kreis sind.

Zum ersten Mal kann man beispielsweise, Lindenbergs Buch zufolge, Reaktionär sein, nicht weil man rechts ist, sondern weil man zu links ist. Ein Kommunist oder jeder, der sich den Gesetzen der Marktökonomie als letztem Ziel widersetzt, ist ein Reaktionär. Jeder, der strikt gegen die Auflösung seines Landes in einem föderalen europäischen Raum ist, ist ein Reaktionär. Jemand, der den Gebrauch der französischen Sprache in Frankreich verteidigt oder jeder anderen Nationalsprache in ihrem jeweiligen Land und der sich der universellen Verwendung des Englischen entgegenstellt, ist ein Reaktionär. Jemand, der der parlamentarischen Demokratie und dem Parteiensystem misstraut, jemand, der dieses System nicht als die Ultima Ratio politischer Organisation begreift, jemand, der es gerne sähe, dass der Bevölkerung öfter das Wort erteilt wird, ist ein Reaktionär. Jemand, der dem Internet und den Smartphones wenig Sympathie entgegenbringt, ist ein Reaktionär. Jemand, der Massenvergnügungen so wenig mag wie organisierten Tourismus, ist ein Reaktionär.

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