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Michel Déons Beisetzung : Petition für ewige Ruhe

  • -Aktualisiert am

Die Plätze auf den historischen Pariser Friedhöfen sind begehrt. Michel Déon soll nun doch in Montparnasse begraben werden. Bild: Helmut Fricke

Dass es für den Ende 2016 verstorbenen Dichter Michel Déon bis heute keine Grabstätte in Paris gibt, hat ideologische Gründe. Jetzt melden sich prominente Unterstützer zu Wort.

          Das „Fehlen eines Grabes“ hatte Michel Déon einst als etwas vom Schlimmsten beschrieben, das einem Menschen widerfahren kann. Der Dichter hielt es mit Antigone, die für ihren Bruder, den Staatsfeind, ein Begräbnis wollte und dafür zum Tode durch Begraben bei lebendigem Leibe verurteilt wurde. Mit seinen literarischen Werken wurde der 1919 geborene Michel Déon schon 1978 durch die Aufnahme in die Académie Française „unsterblich“. Doch seit seinem irdischen Tod Ende 2016 muss seine Urne von der Tochter aufbewahrt werden: Die sozialistische Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo verweigerte ihm ein Grab mit der Begründung, dass sein fester Wohnsitz Irland war. Es geht nicht um Steuerflucht. Die Abrechnung ist eine ideologische.

          Unerbittlich wie ein König

          Michel Déon war Mitglied der faschistischen „Action Française“ und Sekretär des Dichters Charles Maurras. Sein Roman „Die wilden Ponys“ wurde 1970 im Auftrag von Bertelsmann pikanterweise von Gerhard Heller übersetzt, dem deutschen Leutnant, der im besetzten Paris für die Zensur zuständig war. Seit seinem Ableben bemühte sich die Académie um einen Platz im Friedhof. Unerbittlich wie ein König der griechischen Mythologie verweigerte die „rote Anne“, die sich dem Kult ihrer antifaschistischen Ahnen im Spanischen Bürgerkrieg verschrieben hat, dem braunen Verräter ein Begräbnis in ihrem Reich. Nach der Akademie nahm sich der „Figaro“ des Falles an und machte ihn publik – lange mit genauso wenig Erfolg.

          Doch Anfang dieser Woche veröffentlichte das Blatt eine Petition von Autoren der Gegenwart: von Houellebecq bis Kundera. Mit ihrem Aufruf verliehen sie der irdischen Komödie „Anne und Antigone“, über die niemand mehr lachen konnte, die Dimension einer Tragödie, die nur noch in den politischen Suizid münden konnte. Die Bürgermeisterin begründete ihre umgehende und wenig heroische Kapitulation mit einer ehrenhaften Ausnahme: Auch die Schriftsteller Carlos Fuentes und Susan Sontag, die in Paris keinen festen Wohnsitz hatten, sind auf dem Friedhof Montparnasse begraben, wo schon in wenigen Tagen Michel Déon seine verdiente ewige Ruhe finden darf.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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