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Michael Lentz : Das Erlebnis Rühmkorf

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Michael Lentz Bild: Thomas Brill

Peter Rühmkorf war ein Virtuose der Form, des poetischen Bildes und des Gedankens, ein kongenialer Traditionsverwerter und Erinnerer, ein selbstironischer Ich-Umkreiser und politischer Sänger, der stets um den vermeintlich letzten Rest Utopie gerungen hat.

          Die Nachricht vom Tode Peter Rühmkorfs kommt nicht ganz unerwartet und dennoch ist man auf sie nicht vorbereitet. Ich habe ihn außerordentlich geschätzt, als Dichter, Essayist und Mensch. Ihn in wenigen Worten würdigen kann man nicht. Seine Texte waren und sind mir ein Maßstab. Peter Rühmkorf war ein Virtuose der Form, des poetischen Bildes und des Gedankens, ein kongenialer Traditionsverwerter und Erinnerer, ein selbstironischer Ich-Umkreiser und politischer Sänger, der stets um den vermeintlich letzten Rest Utopie gerungen hat.

          Seine Gedichte sind tiefernst und heitermelancholisch, immer ganz dicht am Leben - und seiner Kehrseite; wer glaubt, sie seien eingängig und leicht, sieht sich bei wiederholter Lektüre getäuscht: von den Gedichten, von sich selbst? Diese wunderbare Schwebe, zwischen den Zeilen, zwischen Gedicht und Leser, und dass man das doch wohl bitte schön Autobiographische dieser Gedichte plötzlich so ganz auf sich selbst bezieht und sich sogleich bei dieser Eitelkeit ertappt, das ist das spezifische Rühmkorf-Erlebnis.

          Ein immer wiederkehrender Anfang

          Auch als Auftrittskünstler, als Vorlesender ist Peter Rühmkorf zur Höchstform aufgelaufen. Unvergessen ist mir da seine Lesung beim Brecht-Festival in Augsburg vor zwei Jahren: Selbst seine Hits wie „Selbstporträt“ aus dem tollen Band „Haltbar bis Ende 1999“ oder „Mit den Jahren . . . Selbst III/88“ aus der Sammlung „Einmalig wie wir alle“ las er so, als hätte er sie gerade erst geschrieben und würde sie zum ersten Mal vortragen.

          Wie „Einmalig wie wir alle“, durch Lesen mittlerweile völlig zerlegt, oder seine Liebesgedichte „Außer der Liebe nichts“ ist mir „agar agar - zaurzaurim. Zur Naturgeschichte des Reims und der menschlichen Anklangsnerven“ ein unentbehrliches Brevier geworden. Peter Rühmkorf schafft es hier, Jahrhunderte umfassend, poetologische Verhältnisse auf engem Raum anschaulich und sinnlich zusammenzudenken wie niemand zuvor. Dieses Buch sollte Schullektüre sein, überhaupt Pflichtlektüre.

          Jetzt mitten im Klaren

          Kalauer hat Peter Rühmkorf nicht gefürchtet; seine Kalauer haben nämlich den bestehenden Kalauern sofort den Rang abgelaufen. Außerdem ist der Kalauer ein probates poetisches Mittel, da muss man nicht erst Roman Jakobson lesen. Und unter den starken Mitteln, über die Rühmkorf verfügte, ist er nur ein Hilfsmittel, sozusagen ein kleiner poetologischer Angestellter. Robert Gernhardt hat einen seiner Kalauer zum Titel seiner Auswahl der Gedichte des hochgeschätzten Kollegen gemacht: „Lethe mit Schuß“. Er findet sich in dem vorweggenommenen Abschiedsgedicht „Jetzt mitten im Klaren“, das Peter Rühmkorf sich in der gleichnamigen Sammlung selbst geschrieben hat.

          Die letzten drei Strophen dieses Autoepitaphs lauten: „Muß ich etwa allein übern Fluß?/ Was mauscheln die stygischen Schilfe?/ Herr Charon, zwei Lethe !/ eine kleine Übersetzhilfe,/ aber Lethe mit Schuß!// Und nicht zu knapp bemessen:/ Welt, wie du im Rückblick dich wölbst./ Doch mein Stundenglas,/ meine Einweguhr,/ meine Smith & Wesson entsichre ich selbst.// Oder was oder wann oder wie?/ Nein, lieber jetzt mitten im Klaren./ Und ihr spielt mir nochmal - diese alteda! - / Mistmelodie/ von den Leuten, die strudelwärts fahren.“

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