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Michael Gielen zur Orchesterfusion : Worum es den 160 Dirigenten geht

  • Aktualisiert am

Er weiß, was auf dem Spiel steht: Michael Gielen leitete das SWR Sinfonieorchester von 1986 bis 1999 Bild: Wolfgang Runkel

Die Orchesterfusion im SWR ist eine öffentlich-rechtliche Fehlentscheidung. Sie muss revidiert werden, sagt der ehemalige Leiter des SWR-Symphonieorchesters Michael Gielen.

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          Herr Gielen, Sie und 159 Ihrer Kollegen fordern, dass der Beschluss über die SWR-Orchesterfusion zurückgenommen wird. Wieso melden Sie sich erst jetzt?

          Ich fordere das doch schon lange! Wir haben protestiert bei jeder Gelegenheit, seit mehr als einem Jahr, nach jedem Konzert habe ich mich hingestellt und diskutiert! Aber das hat ja alles nichts genutzt. Niemand in der Politik hat sich ernsthaft gekümmert. Keine Partei hat einen Finger gerührt. Die Grünen sind nicht interessiert, sie finden das, was ein Orchester macht, elitär. Wenn Ministerpräsident Kretschmann rechtzeitig Stellung bezogen hätte und hinter dem Protest seiner Bürger stünde, dann sähe die Lage sehr wahrscheinlich heute anders aus.

          Stimmt. Aber das beantwortet nicht meine Frage. Viele werden denken: Es ist doch nun viel zu spät für diese Unterschriftenaktion ...

          Ich bin jetzt sechsundachtzig Jahre alt, aber ich bin kein Prophet. Gegen Ende meines langen Lebens zu erleben, dass dieses Orchester verschwinden soll, ist schlimm. Als sich so lange nichts bewegt hat, als alle unsere Argumente ungehört blieben und die Politiker uns den Rücken zudrehten, da hatte sich schon so etwas wie Fatalismus breit gemacht. Dass es jetzt plötzlich doch wieder eine Öffentlichkeit gibt, die sich für diesen skandalösen Fall interessiert, hat, glaube ich, zu tun mit dem Symposion zur „Zukunft der Symphonieorchester“, das letzte Woche in Freiburg stattfand. Das stand unter Schirmherrschaft der Unesco. Und da ist auch klar geworden, dass es nicht darum geht, nur dieses eine Orchester zu erhalten. Das SWR-Sinfonieorchester ist ein Präzedenzfall. Sollte diese Kulturzerstörung wie geplant stattfinden, hat das einschneidende Folgen für alle Symphonieorchester.

          Sie fordern die Revision des Rundfunkratsbeschlusses. Das Orchester selbst kämpft für die Überführung in eine Stiftung. Was halten Sie von dieser Idee?

          So etwas kann prächtig funktionieren, wie der Modellfall Bamberger Symphoniker oder Berliner Philharmoniker zeigt. Aber so eine Stiftung muss eine Menge Kapital aufbringen, und sie müsste eine Landesregierung hinter sich haben, wie in Bamberg und Berlin. Das ist in Baden-Württemberg nicht der Fall. So kann, fürchte ich, nichts daraus werden.

          Warum fehlen einige Dirigenten bei den Unterzeichnern, die sich bereits öffentlich gegen die Orchesterfusion ausgesprochen hatten, etwa Simon Rattle oder Daniel Barenboim?

          Es sind alle Dirigenten gefragt worden, die das SWR-Sinfonieorchester jemals dirigiert haben. Einige von denen kenne nicht mal ich! Aber wer mit dem Orchester gearbeitet hat, also die Kompetenz dieser Leute kennt, der weiß, was auf dem Spiel steht. Das war die Idee.

          Ist Ihre Forderung realistisch?

          Sie ist vernünftig. Für den SWR-Intendanten Peter Boudgoust, das hat er ja selbst öffentlich gesagt, ist diese Orchesterzerschlagung, die er schon seit Jahren verfolgt, eine Maßnahme, die er an seine Person gebunden hat. Er verlöre, würde der Beschluss revidiert, sein Gesicht. Deswegen wird zumindest er niemals zustimmen, egal, wie wankelmütig Politiker oft sind. Was ich allein unter demokratischen Gesichtspunkten nicht verstehen kann, ist, dass ein einzelner Mensch über das Schicksal von Hunderten ohne nennenswerte öffentliche Diskussion hat entscheiden können. Ganz abgesehen davon, was diese Orchesterauflösung kulturell für Land und Leute bedeutet. Es wird ein Vakuum entstehen. Ein Riesenloch.

          Mittelfristig, heißt es, solle aus der Fusion zweier Orchester erst mal ein Superorchester entstehen ...

          Das wird als „Superorchester“ aber nicht super funktionieren! Das sagt Ihnen jeder, der sich mit Orchestermusik auskennt. Das ist ein Orchesterpool. Kein Orchester. Es gibt, um nur ein Beispiel zu nennen, viel zu wenige Dienste für den einzelnen Musiker. Kann sein, dass einige bequeme Musiker sogar darauf spekulieren. Aber was kann dabei schon künstlerisch herumkommen?

          Wieso meinen Sie, die Zerschlagung der Rundfunkorchester in Freiburg/Baden-Baden und in Stuttgart sei ein Präzedenzfall?

          Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben mehrere Rundfunkorchester, und zwar sehr gute. Das BR-Sinfonieorchester ist Spitzenklasse, das HR-Orchester ebenso, auch der Norddeutsche Rundfunk hat ein wunderbares Symphonieorchester. Aber keines nimmt den Auftrag für die Moderne so ernst wie unseres. Und genau das ist auch der Angriffspunkt! Man könnte ja sagen: „Wer hört sich diese moderne Musik überhaupt an? Und warum soll ich etwas mitfinanzieren, was ich mir gar nicht anhören mag?“ Tja, wenn man so argumentiert, dann muss man auch so ehrlich sein und alles andere in Frage stellen. Warum finanzieren wir denn die Staatstheater mit, warum die großen Museen, die Opernhäuser? Die gesamte Kultur ist doch eigentlich nicht so notwendig! Es sei denn, man hat begriffen, dass eine Gesellschaft ohne Kultur nicht funktioniert. Diejenigen, die diese Entscheidung vor einem Jahr getroffen haben, sehen das offenbar nicht so. Das ist der springende Punkt.

          Was ist Aufgabe und Funktion eines Rundfunkorchesters heute?

          Aus meiner Sicht ist die Aufgabe des SWR-Sinfonieorchesters und der anderen Rundfunkorchester primär die, dass sie das spielen, was die anderen Orchester nicht spielen. Die öffentlich-rechtlichen Orchester müssen nicht den Markt bedienen. Die müssen nicht unbedingt jede Woche ein Konzertprogramm hinstellen. Ein Rundfunkorchester muss die Hochkultur pflegen und der neuen Musik auf die Beine helfen. Das ist seine Aufgabe. Es entspricht dem Bildungsauftrag der Anstalten. Früher haben das alle gemacht, es gab bei jedem Sender Konzertreihen für neue Musik. Aber immer mehr sind die Rundfunkorchester unter dem Druck der Funktionäre und Intendanten zu ganz normalen, halbkommerziellen Symphonieorchestern geworden. Sie kümmern sich darum, den erfolgreichsten Kapellmeister zu engagieren, aber sie kümmern sich nicht mehr um die Uraufführungen. Es ist ja nicht so, dass jede Uraufführung gleich ein Meisterwerk sein muss. Aber dass sie überhaupt erst einmal zum Erklingen kommen!

          Als die Rundfunkorchester gegründet wurden, wurden sie dafür gebraucht, das Repertoire einzuspielen fürs Archiv. Heute ist das nicht mehr nötig. Und heute gibt es auch etliche sehr gute Spezialensembles für neue Musik ...

          Es gibt natürlich das Ensemble Modern, das Klangforum Wien und solche Formationen mehr. Aber die sind kleiner, sie spielen in wechselnder Besetzung, und werden übrigens auch von der öffentlichen Hand mit unterstützt. Das ist großartig! Aber ein großes Symphonieorchester, das sich vorrangig um neue Musik kümmert, das gibt es außerhalb des Rundfunks nicht - und das kann es auch gar nicht geben, denn die Kosten, die ein 125-Mann-Orchester macht, sind mit den Kosten zum Beispiel des Ensemble Modern gar nicht vergleichbar. Wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk nun seinen kulturellen Bildungsauftrag nicht mehr wahrnehmen will oder kann, wer wird dann diese Orchester tragen, die einzigen, die sich noch diese langen Probenzeiten leisten können, die diese spezielle Kompetenz aufgebaut haben? Sollen die Komponisten im 21. Jahrhundert künftig nur noch Kammermusik komponieren?

          Wird das SWR-Sinfonieorchester erhalten bleiben, was denken Sie?

          Ich wünsche es uns. Wenn Sie mich nach meiner persönlichen Prognose fragen: Es geht ja jetzt nur noch darum, dass ein Intendant sein Gesicht verlieren würde, wenn er nachgeben muss. Insofern sieht es eher schlecht aus (lacht). Und es sind ja auch andere Orchester schon einfach verschwunden. Aber wenn die Öffentlichkeit sich ernsthaft für diesen Fall interessiert, dann sollte ein öffentlich-rechtlicher Intendant doch einstehen müssen für seine Haltung. Egal, wie lange das her ist.

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