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MeToo an der Volksbühne : Diktatoren-Dämmerung

Intendanten kommen, Intendanten gehen - aber nicht immer freiwillig. Blick auf die Volksbühne in Berlin. Bild: dpa

Ein Abgang mit Tempo: Am Samstag wurden Missbrauchsvorwürfe gegen den Intendanten der Berliner Volksbühne publik, jetzt hat Klaus Dörr das Haus verlassen.

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          Es gab eine Zeit, in der die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz häufig als Festung bezeichnet wurde: Viele, die draußen waren, wollten hinein, und wer drin war, durfte sich auf der richtigen Seite der Festungsmauern fühlen, in künstlerischer, politischer und nicht zuletzt in moralischer Hinsicht. Man hatte ein bestimmtes Selbstverständnis, das sorgfältig gepflegt und demonstrativ zur Schau gestellt wurde. Bert Neumann, einer der prägenden Akteure der Castorf-Ära, begriff die Möglichkeiten, die ein subventioniertes Theater bietet, als Verpflichtung: als „eine Pflicht, dass man sich als Künstler viele Freiheiten nimmt“. Henry Hübchen fasste seine Volksbühnen-Erfahrungen bündig zusammen: „Demokratie im Theater ist zerstörerisch. Nur Diktaturen überleben.“

          Klaus Dörr 2019 bei einem Pressetermin
          Klaus Dörr 2019 bei einem Pressetermin : Bild: dpa

          Dass die Freiheiten, die sich die einen glauben nehmen zu dürfen, von den anderen als Diktatur empfunden werden müssen, ist ein Konflikt, an dem Institutionen krank werden und schließlich zerbrechen können. Auch die Theater leiden längst darunter, heute mehr denn je. Frank Castorf konnte sich die Bezeichnung Diktator noch wie einen Ehrentitel an die Tür seines Intendantenbüros nageln lassen, Klaus Dörr, der Nachfolger von Castorfs direktem Nachfolger Chris Dercon, nimmt heute seinen Hut, weil ihm zehn Mitarbeiterinnen des Theaters wiederholten Machtmissbrauch in Form sexueller Belästigung vorgeworfen haben. Von schamlosen Blicken, unerwünschten Berührungen, sexistischen Bemerkungen und anderem mehr war am Samstag in der „taz“ zu lesen, die auch berichtete, Dörr habe die Vorwürfe zurückgewiesen, jede weitere Stellungnahme abgelehnt und sich einen Anwalt genommen.

          Gestern Mittag sah es also noch so aus, als würde Dörr darum kämpfen, seinen zum Sommer auslaufenden Vertrag erfüllen zu dürfen. Aber dann ging alles sehr schnell. Bereits am frühen Nachmittag übernahm Dörr die „komplette Verantwortung“ für die gegen ihn erhobenen Vorwürfe. Anders als in Karlsruhe, wo Intendant Peter Spuhler gleichfalls mit schwerwiegenden Vorwürfen konfrontiert wurde, zieht sich der Konflikt an der Volksbühne nicht endlos in die Länge. Aber ebenso wie in Karlsruhe, wo die Rolle der Kunstministerin Theresia Bauer umstritten ist, muss sich auch Berlins Kultursenator Klaus Lederer unangenehme Fragen stellen lassen: Wann hat er von den Zuständen an der Volksbühne erfahren? Und ist es richtig, dass er bereits vor der Verpflichtung Dörrs gewarnt und auf dessen Neigung zu Machtmissbrauch hingewiesen wurde? Wir sind im dritten Akt, letzte Szene. Intendant: geht rasch ab. Vorhang: fällt nicht. Applaus: nicht zu hören. Stück: geht weiter? Nach der Sommerpause tritt René Pollesch seine Intendanz an der Volksbühne an.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

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