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Kommentar zu Özil und dem DFB : Das deutsche Auch

Das Foto: Ilkay Gündogan, Mesut Özil, Recep Tayyip Erdogan und Cenk Tosun (v.l.n.r.). Bild: Reuters

Im Fall von Mesut Özils Demission aus der Fußball-Nationalelf haben alle Beteiligten eines gemeinsam: Sie wollen Unvereinbares vereinen, sind erst schlauer, wenn es zu spät ist und stehlen sich davon.

          Ein Satz Goethes sagt, der Handelnde sei immer gewissenlos, es habe niemand Gewissen als der Betrachtende. Der Fall Özil ist geeignet, diesen Satz zu erläutern. Denn es ist die Unentschiedenheit des Nichthandelns, die jetzt zu einer ungeheuren, hässlichen Aufwallung an Meinungen, Forderungen, Beschimpfungen, Rechthabereien und Ausflüchten geführt hat, deren Ende gar nicht abzusehen ist.

          Zwei Fußballspieler lassen sich lächelnd mit einem Staatsmann abbilden, der Teile seiner Bevölkerung unterdrückt und den Rechtsstaat mit Füßen tritt. Einer findet, das drücke „Respekt“ gegenüber der Heimat seiner Eltern aus. Er sagt das aber – die Berater warten zunächst ab – erst lange danach.

          Bis dahin finden beide, ein Kompensationsfoto mit dem Bundespräsidenten kläre vielleicht, inwiefern sie Nationalspieler sind. Es kommt zu einer erheblichen Wertekollision: einerseits dumme Jungs, also Nachsicht; andererseits Vorbilder, also Vorsicht. Einerseits Nationalmannschaft, also Rücksicht auf Leistungsträger; andererseits Nationalmannschaft, also Rücksicht aufs Publikum. Einerseits die Werte des DFB: Fairness und Menschenrechte; andererseits die Werte des DFB: Selbstbetrug („Das Turnier ist lang“) und Selbstvermarktung („Best never rest“). Einerseits „Die Mannschaft“, nur das Team zählt und so weiter; andererseits ist sich auf Instagram längst jeder selbst der Nächste.

          Und so dachten sie, die Grindels, Bierhoffs und Löws, an die Politik, an Fototermine, Werbeverträge, an 2014, den fünften Stern und besonders zärtlich an sich, vor allem aber, dass alles schon gutgehen werde, weil noch fast immer alles gutgegangen ist, und dass es darum jetzt „auch“ mal gut sein müsse.

          „Auch“ ist ein sehr deutsches Wort. Allen Werten will man dienen, den sportlichen, auch den politischen, den ökonomischen auch und auch den medialen, den jungen Spielern und den alten, den deutschen Tugenden und der Leichtigkeit, dem Fußball in Gestalt des Spiels und dem Fußball in Gestalt der Fifa. Weswegen vor lauter Herren, denen man gleichzeitig „auch“ dienen möchte, niemand sich entscheidet: Özil nicht zur Erklärung, Gündogan weder zum Ausdruck des Bedauerns noch des Beharrens, der DFB weder zu einem Rauswurf noch zu einem Junktim noch zu einem „Das ziehen wir durch“.

          Alle, Bierhoff und sein Trainer zumal, verhalten sich verdruckst, mit Goethe „gewissenhaft“, voll komplexer Innerlichkeit, reich an Motiven und Rückpässen. Alle agieren wie die Mannschaft selbst: den Ball am besten schnell abgeben, Zweikämpfen ausweichen, Risiken vermeiden. Alle, Özil eingeschlossen, hoffen, dass sich die Sache und alle Fragen mit dem Erfolg erledigen, und, wenn der Erfolg ausbleibt, dann ja immer noch Schuldige gefunden werden können oder Ausreden. Insofern alles sehr deutsch, alle sehr integriert.

          Es würden, heißt es entsprechend nach dem Scheitern von so ziemlich allem, was scheitern konnte, die Ursachen schonungslos analysiert. Aber dieser Satz ist selbst bereits die Schonung. Nämlich die Selbstschonung derer, die nicht willens waren, sich festzulegen und dabei zu bleiben, anstatt sich Meinungen in alle Richtungen zu bilden und alles offenzulassen. Was nicht zuletzt für diejenigen gilt, die, wie Uli Hoeneß, jetzt schimpfen, dass Özil seit Jahren einen Dreck gespielt habe, aber das eben erst jetzt sagen. Vor der WM wäre es, ob töricht oder nicht, eine Handlung gewesen, so zu sprechen. Jetzt ist es – wie zuvor Bierhoffs Opportunismus, Grindels Lavieren und Özils Kommuniqué – nur eine weitere wohlfeile, selbstgerechte Meinung.

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