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Merkel und Erdogan : Lieblingsfrau am Hofe

Inszenierung auf den Armsesseln der Vorfahren: Soviel Prunk war sogar den Sultanen einst zu viel. Für Erdogan aber ist groß nie groß genug. Bild: dpa

Ein Bild der Zärtlichkeit: In Istanbul musste Merkel auf einem Thron Platz nehmen. Wohl fühlt sie sich nicht, aber genau das ist Erdogans Absicht.

          So viel Pomp war selten um die Bundeskanzlerin. Der Teppich: ein Traum aus „Tausendundeiner Nacht“! Die Marmortische: einer Königin würdig! Die Vorhänge aus Brokat: schimmernd wie Zuckerguss auf einer Torte! Und erst die goldenen Armsessel mit Halbmond, auf denen Angela Merkel und Tayyip Erdogan Platz genommen haben! Die Ästhetik der beiden Sitzmöbel: Ein Mix aus Ali Babas Schatzhöhle und Gelsenkirchner Barock. Die Haltung der Sitzenden: ungewohnt. Von gemeinsamen Fotos kennt man den türkischen Staatspräsidenten und die deutsche Bundeskanzlerin eher freundlich distanziert.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wie anders ist da das Bild, das der dpa-Fotograf Guido Bergmann am vergangenen Sonntag im Istanbuler Yildiz-Palast aufgenommen hat: Da ist Magie, da ist Zauber, ja, da ist sogar ein wenig Zärtlichkeit. Merkel ist die neue Lieblingsfrau am Hofe, anders ist der goldene Thron nicht zu erklären. Ihre Körperhaltung verrät uns zwar, dass ihr die Goldrahmung nicht ganz geheuer ist. Aber gerade diese Scheu ist es doch, die einen Mann wie Erdogan entzückt: Ihre zarte Unsicherheit verleiht ihm Größe. Sein Blick, der auf ihr ruht, ist jedenfalls äußerst liebevoll, und das will etwas heißen bei einem Mann, der lieber poltert als spricht, lieber die Faust ballt, als sie zum Handschlag auszustrecken, und von dem gerade 68 Prozent der Türken in einer Umfrage des Gezici-Instituts gesagt haben, er mache ihnen Angst. Wären die goldenen Sessel nicht so schwer, auch das erzählt das Bild, dann hätte Erdogan seinen schon längst näher an Angela Merkel herangerückt. So aber bleiben die beiden Ungetüme steif nebeneinander stehen. Das Blumengesteck mit den Fähnchen beider Länder unterstreicht dafür die neue Verbundenheit. Man würde sich nicht wundern, wenn als Nächster ein Standesbeamter die Szenerie beträte.

          Merkel arbeitet lieber an kleinen Möbelstücken

          Das Foto ist ein Sinnbild für die Welt, mit der Angela Merkel sich mit ihrem Besuch in der Türkei eingelassen hat. Erdogan liebt Protz und Größe, und natürlich war der Ort des Pressetermins nicht zufällig gewählt. Sein neuer Amtssitz in Ankara, der Ak Saray, wäre Erdogan sicherlich lieber gewesen. Der Bau ist siebenundzwanzig Mal so groß wie der Elysée-Palast und sechs Mal so groß wie das Weiße Haus. Und auf das Dekor, es übertrifft an Scheußlichkeit den Ort des gemeinsamen Fotos bei weitem, ist Erdogan mächtig stolz. Doch nach Ankara wollte Merkel nicht: Der Ak Saray ist zu umstritten, das oberste Verfassungsgericht der Türkei hat ihn kürzlich zum Schwarzbau erklärt – um sein Traumhaus zu realisieren, hatte Erdogan ein Naturschutzgebiet kurzerhand zum Baugebiet gemacht. Natürlich wären für den Fototermin mit Merkel auch die Istanbuler Regierungsbüros in Frage gekommen. Aber die sind für Erdogans Ansprüche und Visionen mittlerweile zu schlicht. Warum also nicht die Presse in den Yildiz-Palast laden, eine im 19. Jahrhundert erbaute Residenz der Sultane an den Hängen des Bosporus? Genügend Pomp gibt es dort allemal.

          Erdogans Berater wissen, dass Angela Merkel von Prunk und Opulenz nichts hält. Sie konnten sich gewiss sein, dass die deutsche Kanzlerin sich unwohl fühlen würde, wenn sie in eine Kulisse wie jene des Yildiz-Palastes gezwungen wird. Doch Merkel kam als Bittstellerin. Sie braucht eine schnelle Lösung für die Flüchtlingskrise, und einer der Schlüssel dafür liegt in der Türkei. Zum ersten Mal sitzt Erdogan am längeren Hebel. An einer Wohlfühlatmosphäre zugunsten der Kanzlerin war er sicherlich nicht besonders interessiert. Er wollte Fotos, die ihn als Mächtigen zeigen.

          Merkel hingegen ist Dekor, das einzig und allein dem Zweck dient, Macht zu versinnbildlichen, suspekt. Sie mag es pragmatisch, sogar ihre Kleidung trägt sie jahrelang auf. Ihren Schreibtisch im Kanzleramt meidet sie wegen dessen übertriebener Größe, hat sie einmal in einem Interview gesagt. Merkel arbeitet lieber an kleinen Möbelstücken. Erdogan hingegen ist groß nie groß genug, ob es nun um Möbelstücke geht, um Regierungssitze, um Macht oder um Forderungen. In diesem Sinne lautet die Botschaft des Fotos: Wenn du etwas von mir willst, dann fügst du dich auch in meine Welt ein.

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