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Merkel im Berliner Ensemble : „Manchmal muss ich einfach nach Hause“

Die Kanzlerin mit den Journalisten Frank A. Meyer (links) und Christoph Schwennicke (rechts) vor Beginn des Gespräches. Bild: dpa

Sommertheater, lakonisch: Freimütig antwortet eine entspannte Angela Merkel im Berliner Ensemble auf Fragen zur aktuellen Weltpolitik. Nur Rolf Hochhuth muss sich mal wieder aufregen.

          2 Min.

          Was immer die Zuschauer im Berliner Ensemble an diesem Sommerabend von der Bundeskanzlerin erwarteten – gewiss keine ticker- und twittertaugliche, die Welt erschütternde Neuigkeit. Trotzdem waren danach einige, überwiegend Kollegen, enttäuscht oder genervt. Weil das alles doch nix Neues gewesen sei, oder weil – das mag der Insider schon gar nicht – trotzdem viel applaudiert wurde und manchmal sogar gelacht. Mitgelacht, mit der Kanzlerin – gehört sich das? Nicht für Mitglieder der Bundespressekonferenz.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Aber im vollbesetzten Saal und auf den Rängen saß auch das Volk. Namenlose zwischen den vielen Journalisten, den Botschaftern und Berühmtheiten der Berliner Gesellschaft. Nur gekommen, zum Beispiel, weil sie die Kanzlerin erleben wollten oder weil ihnen gefällt, „wie sie das macht“. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht, so stand es ja in der Einladung des Gastgebers, des Magazins „Cicero“: Frank A. Meyer und Chefredakteur Christoph Schwennicke stellen Angela Merkel Fragen zur aktuellen Politik.

          Schlagfertig aber bedacht

          Die Herren sind die Stichwortgeber, die Bühne gehört der Kanzlerin, die immerhin anbot, mit ihnen zu reden, „worüber Sie wollen“. Sie wollten nichts, was zu Streit hätte führen können. Man kann nachlesen und nachhören, was Angela Merkel alles gemacht hat, bevor sie ins Theater kam: Kabinettssitzung, Waffenlieferungen für den Irak, Treffen mit Abgeordneten, mit Putin telefoniert und so weiter.

          Also eingestiegen und gefragt, ob sie „einen besonderen Draht zu Putin“ habe. Nein, sagt Frau Merkel, nur eine „ganz normale Telefonleitung“ und schiebt nach, dass „wir“ Putin doch nicht erst jetzt, in diesem Konflikt, kennengelernt hätten. Oder doch? Sie jedenfalls nicht, ihr sei dieses, Putins, Denken in Interessensphären lange schon sehr vertraut. Aber das sei doch nicht vorauszusehen gewesen, nicht in der Ukraine, nicht im Irak, in Syrien. Nein, sagt Merkel, aber man erinnere sich daran, wie Jugoslawien nach Tito zerbrach und was dann geschah. Und dass lange niemand glauben wollte, sie könnten dort nach diesem Krieg jemals wieder miteinander reden. Täten sie aber, mühsam, doch immerhin. Man muss Angela Merkel genau zuhören wollen in dieser einen Stunde, in der es quer durch unsere in Unfrieden geratene Welt geht.

          Bewunderung trotz „fehlendem Charisma“

          Gehen uns alle Kriege etwas an? Ja, schon, folgt man Merkel. Weil es in einer globalen Welt niemanden mehr gebe, der von weltstürzenden Ereignissen wie diesen Kriegen nicht betroffen ist; zumal von 20000 Isis-Kämpfern zweitausend aus Europa kämen und allein vierhundert aus Deutschland. Oder 9/11 – das Attentat habe New York getroffen, doch Mohammed Atta, der Täter, der habe bei uns, in Hamburg studiert.

          Knapp und präzise kommen die Antworten, auch die auf vermutlich schon hundert Mal gestellte Fragen. Etwa die nach ihrer Langsamkeit und Zuwarterei bei Entscheidungen. Nein, das sei nicht so, sagt sie, denn: „Bevor ich nicht fertig gedacht habe, kann ich nicht entscheiden.“ Und: „Wir haben doch schon innerhalb einer Woche die unglaublichsten Dinge beschlossen.“ Die Aufzählung zur Innenpolitik gerät länger, sie unterbricht sich, sagt zum Moderator: „Jetzt gucken Sie entnervt, weil ich so viel rede, aber Sie fragen nach den nächsten drei Jahren.“ Letzte Frage an sie aus dem Volk: Wie halte sie das alles aus – mache sie Yoga? Nein, Yoga mache sie nicht. „Manchmal muss ich einfach nur nach Hause gehen.“ Applaus. Schluss.

          Zugabe. Wie ein Teufelchen aus der Kiste springt Rolf Hochhuth, der wieder einmal übergangene Eigentümer des Hauses, von seinem Parkettplatz auf und ruft empört der entschwundenen Kanzlerin nach, kein Wort zur „Kultur!!!“ sei gefallen. Der Misanthrop kämpft sich durchs Schlussgedrängel und wettert in die erste Kamera: Eingesperrt habe man ihn, „bis diese Frau endlich weg war!“ Klingt nach Vaterzorn und Solange-ihr-eure-Füße-unter-meinen-Tisch-stellt. Niemand hört ihn, alle strömen zu den Lokalen am Spreeufer. Man klagt allenfalls, diese Kanzlerin habe so gar kein Charisma. Oder bewundert ihre Begabung, im Strudel der Ereignisse Ruhe bewahren zu können und dann lakonisch gelassen ein Urteil über die Welt und ihre Rolle darin zu fällen.

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