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Merkels Ehrendoktorwürde : Frau Dr. Dr. Dr. Dr. Dr. Dr. usw.

Verspricht, nach ihrer Amtszeit noch von sich hören zu lassen: Angela Merkel in Leipzig. Bild: EPA

Angela Merkel bekommt in Leipzig ihre siebzehnte Ehrendoktorwürde, und Christine Lagarde hält ihr eine Laudatio in D-Dur.

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          Kein Bürgerprotest diesmal in Sachsen gegen die Bundeskanzlerin, stattdessen Applaus im Stehen zur Begrüßung und generell große Oper. Die Handelshochschule Leipzig (HHL) hat ihre diesjährige Abschlussfeier eigens ins Opernhaus der Stadt verlegt, um auf der Bühne nicht nur die Diplome an 189 Graduierte dieses Jahrgangs zu übergeben, sondern dort auch Angela Merkel zu begrüßen, die von der privaten Elitehochschule die Ehrendoktorwürde zugesprochen bekam. Es ist bereits ihre siebzehnte und die zweite Leipziger, denn die Universität der Stadt hatte ihre ehemalige Physikstudentin 2008 auch schon so geehrt. Trotzdem ist der bislang jüngste Titel etwas Besonderes: Frau Dr. Dr. h.c. mult. Merkel ist nun auch Dr. rer. pol. oec. h.c. Oder in etwas weniger Akademikerlatein: ehrenpromovierte Wirtschaftswissenschaftlerin.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Den Anlass besingt im Opernhaus kein Geringerer als Ronaldo Villazón passend mit „Ya mis horas felices“ (Und meine glücklichen Stunden), einer Romanze aus Reveriano Soutillos und Juan Verts Zarzuela „La del Soto del Parral“ aus dem Jahr 1927 – ein Stück, das man auf deutschen Bühnen nie gesehen hat. Villazón, der gerade in Leipzig seine Inszenierung von Donizettis „Liebestrank“ vorbereitet (ein Stück, das man auf deutschen Bühnen oft gesehen hat), tritt nicht mehr häufig als Tenor auf, aber für seine Freundin Angela Merkel macht er eine Ausnahme. Und deren Dank für das unbekannte Ständchen fällt besonders herzlich aus, als der Sänger ihr entgegeneilt. Die Politikerin liebt klassische Musik, und Villazón trägt ja nicht nur Lieder vor, die der Kanzlerin spanisch vorkommen müssen, sondern hat in London auch schon einmal eine Nebenrolle in Merkels Lieblingsoper von Richard Wagner gesungen.

          Die Eckpunkte der Führungsraute

          Das sind nicht „Die Meistersinger von Nürnberg“, wie man vermuten sollte, weil das Gewandhausorchester deren Ouvertüre zu Beginn der Leipziger Ehrenpromotion spielt, sondern „Tristan und Isolde“, wie eine andere gute Freundin der Geehrten erläutert: Christine Lagarde, noch Geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds, aber bald Chefin der Europäischen Zentralbank, durchaus auch von Merkels Gnaden. Kanzlerin und Direktorin sind per du, wie man nun weiß, und angesichts der musikalischen Vorlieben der zu Lobenden hält Christine Lagarde ihr eine Laudatio in D-Dur. „Diplomacy, diligence, determination, duty“ (heutzutage muss es ja Englisch sein, und noch ist Madame Lagarde nicht nach Frankfurt umgezogen) machen demnach das politische Wesen der Bundeskanzlerin aus, also Diplomatie, Fleiß, Zielstrebigkeit und Pflichtbewusstsein. All das kombiniert sich nach Lagardes Einschätzung zu einem Führungsstil, den sie in Anlehnung an den Berühmtesten aller Leipziger, Johann Sebastian Bach, als „wohltemperiert“ bezeichnet.

          Die kommende Zentralbankdirektorin als Laudatorin zu gewinnen war ein Coup der Hochschule. Sie in Unkenntnis davon zu lassen, dass der Zuerkennung der Ehrendoktorwürde mehrere Gutachten über die wirtschaftswissenschaftlichen Leistungen von Angela Merkel vorausgegangen waren, war ein Wagnis. Denn was, wenn die Praktikerin Christine Lagarde zu ganz anderen Schlüssen gelangt wäre als die vier akademischen Gutachter aus Harvard, München und Leipzig? Andererseits: Hätte die Französin mit dem Begriff „Merkel-Führungsraute“, den der an der HHL lehrende Wirtschaftspsychologe Timo Meynhardt eigens geprägt hat, etwas anfangen können? Zwar beruht auch die Führungsraute auf vier Eckpunkten: Humanismus, Pragmatik, Gemeinwohl, Authentizität. Nur klingt das weitaus weniger musikalisch als Lagardes sangliche Lobrede.

          Wagnerianerin sein verpflichtet

          Das „Meistersinger“-Vorspiel gibt dann Angela Merkel das Leitmotiv für ihre Dankesrede: Das berühmteste Zitat des Librettos, „Verachtet mir die Meister nicht“, prägt sie um zu „Verachtet mir die Kompromisse nicht“. Für die Frau, die den Begriff „alternativlos“, wenn auch nicht populär, so doch allgegenwärtig gemacht hat, ist das ein verblüffendes Bekenntnis, aber man darf es wohl so verstehen, dass Politik kompromisslos kompromissbreit zu sein habe. Wie ja auch schon die freundlichen Worte der Geehrten an die aus 65 verschiedenen Staaten stammenden Graduierten der HHL, die nun von Leipzig aus in alle Welt zurückkehren werden, ein Meisterstück der Kompromissbereitschaft sind: „Wir nehmen Sie hier immer wieder gern als Gast auf.“ Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Die sächsische Landtagswahl am folgenden Tag mit ihren unharmonischen nationalistischen Beiklängen verstimmt da für einen Satz die Grundmelodie der Dankesrede.

          Ansonsten hat nur der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer den Druck der nahenden Ereignisse hörbar werden lassen, als er in seiner Begrüßung die HHL lobt – und die eigene Politik für die Förderung einer derart renommierten Einrichtung. Dabei will er das Lob auch weitergeben an seine Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, doch deren Name fällt ihm zunächst partout nicht mehr ein. Ein Aussetzer, gewiss, doch Eva-Maria Stange gehört der SPD an. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Kretschmer in Gedanken längst bei einem ganz anderen Kabinett ist.

          Die HHL jedenfalls darf sich freuen: über die Zusage des Ministerpräsidenten, ihren Ausbau weiterhin staatlich zu fördern, und über die scherzhaft als Drohung verpackte Ankündigung ihrer neuen Ehrendoktorin, in Zukunft häufiger hier aufzutreten. Und mehr als das: „Alle Universitäten, die mir den Ehrendoktor gegeben haben, werden noch von mir hören, wenn ich nicht mehr Bundeskanzlerin bin.“ Das Publikum applaudiert wieder im Stehen, vorzeitiger Auszug von Frau Dr. Dr. h.c. mult. Merkel, draußen immer noch keine Proteste, die „Akademische Festouvertüre“ von Brahms zum Abschluss der Feierstunde erklingt von der Bundeskanzlerin ungehört. Wagnerianerin sein, das verpflichtet.

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