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Merkel bei Chirac : Engelsvisite: Die Kanzlerin in Versailles

Blicke auf die Kunst von Versailles Bild: dpa/dpaweb

Angela Merkel erwies dem französischen Staatspräsidenten, der ihr Vater sein könnte, den besten Freundschaftsdienst, den sie ihm erweisen konnte: Nachsicht und Gelassenheit.

          Daß er ihr Vater sein könnte, war keineswegs der boshafteste Kommentar zum Besuch der Bundeskanzlerin bei Chirac. Für ein Paar braucht es zwei, spottete der frühere sozialistische Außenminister Pierre Moscovici, der mit Fischer gut harmonierte. Der Anstand bleibt gewahrt, frozzelte Jean-Louis Bourlanges, Abgeordneter im Europaparlament: „Beide kehren zum Essen an den Familientisch zurück. Zum Ehebruch ist es noch nicht gekommen. Aber längst übt man sich in Enthaltsamkeit.“

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Auf französischer Seite hat man das deutsch-französische Verhältnis stets als „couple“ aufgefaßt und durchaus mit einer Prise Erotik gewürzt. Schon Sartre war es 1945 als Lehre aus der Kollaboration aufgefallen, daß die beiden faschistischen Schriftsteller Drieu la Rochelle (Suizid) und Brasillach (erschossen) sich einer erotischen Metaphorik bedienten, wobei Frankreich die Rolle der Frau spielte. Sartre erkannte andererseits im Reiz, den die französische Kultur auf die Deutschen ausübte, „eine seltsame Mischung aus Masochismus und Homosexualität“.

          Unglaubliche Macht-Sprüche

          In nicht immer nur rationalen Friedenszeiten ist die Freundschaft, die nach drei Kriegen erst langsam wachsen mußte, seit de Gaulle und Adenauer eine Geschichte von Männerfreundschaften. Nach dem historischen Antagonismus überwanden die beiden Länder in ihrem Paarlauf auch die politischen Gegensätze. Am besten funktionierte die Partnerschaft immer dann, wenn sich ein Konservativer mit einem Sozialisten zusammenfand: Giscard und Schmidt, Kohl und Mitterrand, Chirac und Schröder. Jetzt verkörpert plötzlich eine Frau diese Freundschaft - während die prominenten französischen Sozialisten gerade dabei sind, die Kandidatur von Segolene Royal, deren Höhenflug mit Angela Merkels Sieg begann, zu torpedieren. Die unglaublichen Macht-Sprüche der sozialistischen Elite erinnern an Schröders Haltung in der Niederlage. „Eine Wahl ist kein Schönheitswettbewerb“, kreischte der frühere Kulturminister Jack Lang.

          „Une Angela passe“, titelte „Liberation“ mit einem wie immer unvergleichlichen, diesmal aber wenig treffenden Wortspiel: Ein Engel geht vorbei. Das Bild meint das Schweigen, das sich in einem Gespräch unvermittelt einstellt - auch aus Verlegenheit. Dafür allerdings ist Angela Merkel auch in Frankreich nicht bekannt. Die Art und Weise, wie sie mit Bush über Guantánamo und mit Putin über Tschetschenien sprach, erinnert die Franzosen vielmehr an den frühen Mitterrand und seine Reden im Bundestag und in der Knesset.

          Im Schloß von Versailles

          Jacques Chirac hat seine deutsche Partnerin nicht in den Elysee-Palast geladen, wo die Kanzlerin gleich nach ihrer Wahl zum ersten Auslandsessen am Familientisch erschien - sondern ins Schloß von Versailles. Nicht im Spiegelsaal unseligen Angedenkens empfing er sie, sondern in den Gemächern des Sonnenkönigs. Beim Rundgang durch die Ausstellung „Glanz des sächsischen Hofes in Versailles“ erzählte er der Kanzlerin, die aus dem eiskalten Deutschland kam, die Anekdote vom Rhinozeros, das aus Portugal geholt wurde, weil Dürer es malen wollte. Das Rhinozeros kam nicht bis Paris, das Schiff ging unter. Noch eine Metapher? So weit war man bei einem Gipfel nie in die Geschichte und in die Kultur - ins siebzehnte Jahrhundert! - abgeschweift. Aber mit dem Ärger über die Mehrwertsteuer für Restaurants, über die europäische Verfassung und über Merkels gefährliche Liebe zu Amerika gab es einige Themen, deren Brisanz man vorsichtig mit einem unverbindlichen Ablenkungsprogramm abzufedern versuchte.

          Spannend werden die deutsch-französischen Beziehungen ohnehin erst, sobald es um die Atombombe geht. Das war der Fall zu Beginn der achtziger Jahre, als in Deutschland die Friedensbewegung Furore machte und für dauerhaften Streit mit den französischen Intellektuellen sorgte, die nun auf einmal „für Danzig sterben“ wollten. Vor zehn Jahren feierte Chirac seine Wahl zum Staatspräsidenten mit den Atombombenversuchen auf Mururoa. Weltweit wurde er als „Hirochirac“ beschimpft, in der Rangliste der unbeliebtesten Völker verdrängte „the ugly French“ den häßlichen Deutschen vom ersten Platz. Erst Chiracs Kreuzzug gegen den Krieg im Irak vermochte sein Image bei vielen wieder ein wenig aufzumöbeln.

          Jetzt geht seine zweite Amtszeit zu Ende - und noch einmal hat der Löwe gebrüllt. Mit seiner atomaren Drohung, die innenpolitisch motiviert gewesen sein dürfte, hat Chirac die Prinzipien, die er gegen Amerika ins Feld führte, desavouiert. Und er düpierte seine europäischen Verbündeten, vor allem den „ami allemand“. Doch Freundschaft ist auch für Frauen kein leeres Wort. Angela Merkel, die Bush und Putin ins Gewissen redete, erwies dem französischen Staatspräsidenten, der ihr Vater sein könnte, den besten Freundschaftsdienst, den sie ihm erweisen konnte: Nachsicht und Gelassenheit.

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