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Menschenversuche : Die Grausamkeit im Dienst der Wissenschaft

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Kritik lässt sich jedoch an der zentralen These dieses Quellenbandes üben, dass von Menschenversuchen - gleich welcher Kategorie - erst seit Mitte des 18. Jahrhunderts die Rede sein kann. Nicht nur definierte Francis Bacon schon im 17. Jahrhundert den Versuch als eine Frage, „die man an die Natur richtet, um sie zum Sprechen zu bringen“, der englische Philosoph rechtfertigte in seinem Werk De Dignitate et Augmentis Scientiarum (1623) sogar Experimente am Menschen, die wir heute als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ einstufen würden: „Um also sowohl für den Nutzen als die Menschlichkeit besorgt zu seyn, so ist die Anatomie an Lebendigen keineswegs zu verwerfen.“

Dem Experiment verpflichtet

Von aus heutiger Sicht ethisch bedenklichen Menschenversuchen in der Praxis berichtet der berühmte italienische Anatom Gabriele Falloppio (1523 bis 1562): „Ich werde erzählen, was sich während meines Aufenthaltes in Pisa ereignete. Der Großherzog pflegte Verurtheilte den Anatomen zu übergeben, damit sie jene in beliebiger Weise tödten könnten. Wir aber reichten dem Einen eine Drachme Opium und tödteten binnen sieben Stunden; ein Andrer, der an Quartana litt, bekam das Gleiche. Alsbald trat Kälte, dann sehr große Hitze ein und er starb nicht, da das Opium von der natürlichen Wärme überwunden wurde.“

Foucaults Theorem der „Bio-Macht“, das von den Herausgebern immer wieder als Argumentationsmuster herangezogen wird, kann höchstens erklären, warum die Medizin seit dem Ende des 18. Jahrhunderts eine immer größere Deutungsmacht erhält und damit auch die Experimentiermöglichkeiten wachsen. Doch der eigentliche Paradigmenwechsel ist früher anzusetzen, nämlich in der Herausbildung einer naturwissenschaftlich orientierten Medizin, die sich immer stärker dem Experiment verpflichtet fühlt. So ist bezeichnend, dass bereits dem wohl berühmtesten Anatomen des 16. Jahrhunderts, Andreas Vesalius (1514 bis 1564), der Vorwurf gemacht wurde, er hätte sich an Vivisektionen gewagt, also lebende Personen seziert - eine Horrorvision, die ja bekanntlich auch heutzutage Menschen noch ins Kino zu locken vermag, wenn man an den Medizin-Thriller „Anatomie“ (2000) denkt.

Nicht nur in der Medizin

Doch nicht nur Ärzte haben Menschenversuche angestellt, auch Pädagogen und Psychologen. Hierzu gehören die Experimente mit sogenannten „Wolfskindern“. Statt des bekannten Falls Kaspar Hauser haben die Herausgeber den Erziehungsversuch ausgewählt, den ein in den Wäldern von Aveyron in Frankreich aufgefundener Junge um 1800 über sich ergehen lassen musste. Nachdenklich stimmt auch der hier abgedruckte Bericht einer Mitarbeiterin des nationalsozialistischen Rassenforschers Robert Ritter über die „Lebensschicksale artfremd erzogener Zigeunerkinder“ aus dem Jahre 1943.

Unter dem Stichwort „Zusammenleben“ findet man eine Zusammenstellung von Experimenten, die sich mit gruppendynamischen Prozessen befassen. Dazu gehören beispielsweise Stanley Milgrams „verhaltenspsychologische Untersuchung des Gehorsams“ (1963) und der Versuch, den Philip G. Zimbardo 1973 zur „interpersonale Dynamik in einem simulierten Gefängnis“ angestellt hat. Erst viele Jahre später haben die Leiter dieser Experimente die ethische Problematik ihrer Versuche zugegeben. Das ändert nichts daran, dass sie bis heute immer wieder unreflektiert zitiert werden.

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