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Menschenrechte : Der chinesische Unbeugsame

Ist seinem Idealismus treu geblieben: Liu Xiaobo Bild: AFP

Er ist ein weltbekannter Dissident: Der Philosoph und Literaturwissenschaftler Liu Xiaobo. Mit der „Charta 2008“ stellte er zusammen mit dreihundert anderen Intellektuellen neunzehn Forderungen an die Regierung. Kurz vor der Veröffentlichung haben Polizisten ihn erneut verhaftet.

          Als der Philosoph und Literaturwissenschaftler Liu Xiaobo am Abend des 8. Dezember in seiner Pekinger Wohnung verhaftet wurde, dürfte ihm die Szene allenfalls deshalb neu vorgekommen sein, weil es gleich zwölf Beamte waren, die ihn, seine Handys und drei Computer mitnahmen. Seit dem 6. Juni 1989, als er nach der blutigen Niederschlagung der Studentenbewegung zum ersten Mal inhaftiert wurde, haben ihn die chinesischen Behörden immer wieder festgenommen, verhört und ins Gefängnis oder Arbeitslager gesteckt. Seit 2003 ist er Vorsitzender des inoffiziellen chinesischen PEN-Clubs - und auch ein weltbekannter Dissident.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In China hatte sich der 1955 in Changchun geborene Liu schon Mitte der achtziger Jahre einen Namen gemacht, als inmitten des damaligen „Kulturfiebers“ die jungen Intellektuellen mit gewaltiger Intensität und Leidenschaft die westlichen Theoretiker lasen und sie gegen die eigene Kultur ins Feld führten, der sie Korruption und Verknöcherung vorwarfen. Liu Xiaobo legte sich mit allen an: mit der neuen Literatur nach der Kulturrevolution wie mit dem alten Ästhetiker Li Zehou, der für ihn ein Inbegriff der Tradition war.

          Charta 2008: Neunzehn Forderungen an die Regierung

          Seine Dissertation über Ästhetik und die Freiheit des Menschen nahm vor allem auf deutsche Philosophen des neunzehnten Jahrhunderts Bezug, die er wegen ihrer Betonung des Individuums den philosophischen Klassikern Chinas vorzog. Kurz vor den Studentendemonstrationen veröffentlichte er seine ersten Generalabrechnungen mit dem Marxismus. Auf dem Tiananmen selbst drang er auf völlige Gewaltfreiheit und beteiligte sich noch am 2. Juni 1989 an einem Hungerstreik.

          Damals forderte er, die Literatur und das intellektuelle Engagement in China müsse sich an der „4. Mai-Bewegung“ von 1919 messen lassen, als die Studenten Wissenschaft, Demokratie und die Übernahme der westlichen Kultur verlangten, um China wieder stark zu machen. Inmitten der Konzentration auf Wirtschaft und Lifestyle, die sich auch die meisten Intellektuellen inzwischen zu eigen gemacht haben, wirken solche Appelle in China heute wie aus der Zeit gefallen.

          Liu Xiaobo aber ist seinem Idealismus treu geblieben. In der „Charta 2008“, die er kurz vor seiner Verhaftung mit dreihundert anderen Intellektuellen unterschrieb, heißt es: „Der Weg der chinesischen Regierung zur ,Modernisierung' hat sich als desaströs erwiesen.“ Neunzehn Forderungen stellt das Papier, an ihrer Spitze eine neue Verfassung mit dem Volk als obersten Souverän und eine Teilung der Gewalten. Seine Festnahme ist kein gutes Omen für die Zeit bis zum zwanzigsten Jahrestag der Studentendemonstrationen.

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