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Kunst und Medizin : Den Menschen kann man nur mit Worten gut beschreiben

Durch- oder erleuchtet? Michel Houellebecq auf der Manifesta in Zürich. Bild: AFP

Ein Gesundheits-Check als Kunst: Warum lässt ein Autor sich von allen in den Kopf blicken? Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Michel Houellebecq und dem Mediziner Henry Perschak.

          In einer Woche eröffnet Michel Houllebecqs Einzelausstellung im Pariser Palais de Tokyo. Schon jetzt aber zeigt der Schriftsteller auf der Manifesta in Zürich Einblicke in seinen Schädel. Die europäische Wanderbiennale hat jeden vertretenen Künstler mit einem Zürcher Bürger zusammengebracht, um aus dessen Berufsumfeld eine Arbeit zu entwickeln. Houllebecq entschied sich für einen Arzt: Henry Perschak, Chefarzt der Privatklinik Hirslanden. Im ruhigen Besprechungszimmer eines Zürcher Hotels treffen wir beide zum Gespräch. Michel Houllebecq blüht geradezu auf. Er wirkt gesünder als auf Fotos und bestellt Chardonnay.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Herr Houellebecq, wie viel Zeit haben Sie?

          Ich würde gerne das Spiel Albanien–Schweiz bei den Europa-Meisterschaften sehen, das fängt in einer Stunde an.

          Gut, dann fassen wir uns kurz. Die Möglichkeiten der Biotechnologie waren für Sie schon im Roman „Elementarteilchen“ Thema. Schön, dass wir hier ein Gespräch zwischen Schriftsteller und Arzt führen können.

          Michel Houllebecq: Ich fand es ehrlich gesagt immer sehr schwierig, über die Wissenschaft zu schreiben. „Elementarteilchen“ war zwar erfolgreich, aber meiner Meinung nach ist es mir da gerade nicht besonders gut gelungen. Medizinische Fachterminologie ist sehr heterogen und komplex. Mit medizinischen Bildern ist es einfacher, da erhält man viel rascher ein spektakuläres und erstaunliches Ergebnis. Umgekehrt finde ich es ein bisschen prätentiös, wenn Fotografen oder Porträtisten glauben, sie könnten die Essenz eines Menschen in einem Bild einfangen. Deshalb ist es nur logisch, dass man auf meinen Fotos wenig Menschen findet, sondern vor allem Orte und Landschaften. Ich denke, die Essenz eines Menschen kann man wirklich nur mit Worten gut beschreiben. Maler schaffen das besser, aber ich weiß nicht wirklich, wieso.

          Herr Perschak, wie gut können Sie Menschen darstellen?

          Henry Perschak: In der Medizin gilt das Gleiche. Ich kann einen Menschen nicht nur aufgrund von objektiven Daten erfassen.

          Und wie gelingt es Ihnen gegenseitig? Sie haben sich zur Vorbereitung der Manifesta mehrmals getroffen. Herr Houellebecq, wie würden Sie Herrn Perschak als Menschen charakterisieren?

          Houellebecq: Das ist zu schwierig für mich. Solche Dinge mache ich normalerweise schriftlich und im Verborgenen.

          Und Herr Perschak, wie würden Sie Herrn Houellebecq beschreiben?

          Perschak: Jetzt habe ich natürlich auch ein Problem. (lacht)

          Houellebecq: Ich gehe eben eine rauchen. Du hast fünf Minuten Zeit. (verlässt den Raum)

          Perschak: Michel hat einen extrem feinen Humor, der sich erst offenbart, wenn keine Kamera läuft. Er überlegt sehr viel. Die Gespräche laufen langsam. Man stellt ihm eine Frage, und er schweigt zunächst, sucht nach Worten, und ich bin überzeugt, dass dabei ganze Filme in ihm ablaufen.

          Michel Houellebecq hat sich von Ihnen gründlich durchchecken lassen und stellt den Befund nun im Foyer Ihrer Klinik als Kopien zum Mitnehmen aus. Diese Arbeit nennt er „Is Michel Houellebecq OK?“. Was können Sie über seinen Zustand sagen?

          Perschak: Er ist erstaunlich gesund. Wir haben keine Überraschung entdeckt. Dass er einen erhöhten Cholesterinspiegel hat, wusste er schon. Die einzige Untersuchung, die ihn auch persönlich interessiert hat, war eine Röntgenaufnahme seiner Lungen, die er jetzt überraschenderweise nicht zeigt.

          Sah sie nicht gut aus?

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