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Menschen als Ausstellungsobjekte : Im Glashaus

Als lebender Mensch im Museum gezeigt zu werden, klingt ehrenhaft, kann aber wohl ziemlich anstrengend sein: wenn man nicht einfach nur in Ruhe daliegen kann, sondern auch noch Fragen beantworten muss.

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          Die Oscar-Preisträgerin Tilda Swinton und der „Welt“-Kolumnist Leeor Engländer sind aus ganz unterschiedlichen Gründen in einer Glasvitrine gelandet. Erstere wegen ihres Prominentenstatus, Letzterer aufgrund seiner Herkunft. Tilda Swinton hielt ein Nickerchen im New Yorker Museum of Modern Art. Leeor Engländer saß in einer offenen Vitrine im Jüdischen Museum Berlin.

          Manche Juden machen Yoga, andere Tai Chi

          Tilda Swinton, die von jeher eine Abneigung gegen schauspielerischen Mainstream hat und eine große Leidenschaft für abweichende Kunstprojekte pflegt, durfte einfach liegen und schneewittchenhaft schlummern, während Leeor Engländer den Besuchern erklärte, dass es Juden gebe, die von Sozialhilfe leben, dass einige Juden Yoga praktizieren, andere aber Tai Chi. Mit der „Ausstellung“ eines lebenden Juden will die Programmdirektorin Cilly Kugelmann den Umgang nicht-jüdischer Deutscher mit Juden auflockern.

          Jüdische Kultur in Deutschland kennen viele nur aus dem Museum, durch Ausstellungen über Essgebote oder den Besuch von Gedenkstätten. Also sitzt im Laufe der Ausstellung „Die ganze Wahrheit: Was sie schon immer über Juden wissen wollten“ jeden Nachmittag ein anderer Jude respektive eine andere Jüdin in der Vitrine und beantwortet Fragen der Besucher. Die Schriftstellerin Olga Mannheimer musste bei ihrer Museumsschicht allen Ernstes einer Besucherin erklären, ob man eine entfernte Vorhaut wieder annähen könne.

          Bei der Aktion im Jüdischen Museum hat nie jemand behauptet, es handele sich um Kunst, man sucht einfach den Dialog - was anscheinend bedeuten kann, sich blöden und unangenehmen Fragen stellen zu müssen. Auch die New Yorker Aktion stößt auf Kritik: Man wirft dem Museum vor, dass Kunstwerk solle subversiv scheinen, sei aber nur plumpes Marketing, mit dem man Swintons Prominentenstatus ausnütze.

          Aus Sicht des Ausgestellten hat es allerdings einen nicht zu unterschätzenden Vorteil, als lebendes Kunstwerk zu gelten: Tilda Swinton in ihrem verschlossenen Schlummerkasten muss sich nichts fragen lassen, niemand weiß, wann sie kommt, sie darf schweigen und kann plötzlich gehen, ohne dass man es ihr übel nähme. Und damit zur nächsten Frage: Ob sich Leeor Engländer und Olga Mannheimer nicht auch wünschten, manchmal als lebendes Kunstwerk einfach nur schlafen und schweigen zu dürfen?

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