https://www.faz.net/-gqz-a859k

Schwermütige Musik : Melancholie als Trendstimmung

  • -Aktualisiert am

Manche haben ein Tintenherz, andere weinen schwarze Tränen: Szene aus Billie Eilishs Musikvideo „When the Party’s Over“ Bild: Billie Eilish/Youtube

Von Billie Eilish bis Nils Frahm: Die Musik, die wir hören, spricht in ihrer Schwermut von der Überforderung und der Zukunftsangst unserer Zeit.

          5 Min.

          Aus dem Summen wird ein Singen. Die Lippen bleiben reglos. Die Kombination von Bild und Ton irritiert, lässt die Stimme fremd wirken. Der Gesang zwischen Hauchen und Flüstern verdunkelt die Wörter. Äußerungen in der Schwebe, vielmehr eine Suche als ein Finden. Im Musikclip zu „When the Party’s over“ sitzt Billie Eilish wie ein zynisches Sinnbild ihres Songtitels weißgekleidet in einer weißen Leere und blickt apathisch auf ein Glas schwarzer Flüssigkeit, den Kopf schwermütig dem Boden zugewandt. Dann trinkt sie. Schluck für Schluck rinnt das Schwarz in ihren Körper. Jetzt blickt sie den Zuschauer an. Aus ihren Tränenkanälen quillt das Schwarz über ihr Gesicht auf den Boden. Melancholie als Exzess.

          Billie Eilishs Musik steht nicht allein. Musiker wie Lana Del Rey und Bands wie Radiohead oder Coldplay sind enorm populär und spielen Musik mit melancholischem Einschlag. Auch in der sogenannten Neo-Klassik um Max Richter, Ludovico Einaudi, Ólafur Arnalds oder Nils Frahm klingt vordergründig eine verträumte Melancholie, ebenso in Gegenwartsphänomenen wie Post-Rock oder Cloud-Rap. Als weitere Gestalt dieses Gefühls inszeniert sich Taylor Swift auf dem Cover ihrer letzten Veröffentlichung „Evermore“ allein im blätterlosen Wald. Knochengleich ragen die Äste ins Nichts. Am Boden stehen die Pflanzen in letzter Blüte, ehe ihre Stiele verwittern. Die Sängerin hüllt sich in einen zu großen Mantel, kariert, mit gedeckten Farben. Er hält den Herbst gefangen, der schon in den Winter übergehen will. Der Mantel hält sie warm und die Kälte ab.

          Schwarze Galle

          Die Musik wird zum Medium eines Gefühls. Das Erlebnis der Melancholie wird der Musik einkomponiert. Die akustischen Codes zur Klanggestaltung, also Tempo, Lautstärke, Tonhöhe, Rhythmus und Klangfarbe, spiegeln die Eigenschaften des Gefühls. Traurige Musik ist eng gefasst. Die Klänge überwinden nur kurze Distanzen und benötigen dafür vergleichsweise viel Zeit. Ganz gleich, ob ein klassisches Adagio oder ein verträumter Elektro-Track, die Töne verhallen als überformte, umwölkte Klänge in kleinen Intervallen. Echo und Halleffekte hüllen in vibrierende Langsamkeit und führen in eine Weite, in deren Distanz die Konturen verwischen. Den Hörer hinterlässt es in einem dem Heimweh vergleichbaren Gefühl. Die Distanz zum Zuhause und gleichzeitig seine unmittelbare Nähe im Erleben seiner Abwesenheit. Melancholie ersetzt die Ordnung des Nacheinanders mit der Unordnung der Gleichzeitigkeit. Es entsteht eine Überforderung des Fühlens mit einer Überhöhung des Wahrgenommenen.

          Gefühle lassen sich grob in zwei Kategorien unterteilen: Emotionen und Stimmungen. Emotionen sind zielgerichtet. Das heißt, sie haben einen Auslöser, und es ist bekannt, worauf sie zurückzuführen sind. Stimmungen sind diffuser und halten länger an. Die Melancholie gehört zu letzterer Kategorie. Kulturhistorisch bewegt sie sich zwischen Pathologisierung und Idealisierung. Wärme und Schwärze bilden die Grundbestandteile antiker Beschreibungen der Melancholie. Aristoteles verstand die Melancholie als instabilen Zustand, physiologisch herbeigeführt durch die Beschaffenheit der körpereigenen schwarzen Galle. Hippokrates hatte ihr den Namen melainê cholê gegeben (melas = schwarz, cholê = Galle). Als eine der vier Humoralsaftquellen konnte sie maßgeblich das eigene Befinden beeinflussen. Wird die schwarze Galle zu heiß, überwältigt uns eine große Manie, erkaltet die Galle, folgen depressive Symptome. Nicht von ungefähr ist das Burn-out-Syndrom in die Nähe der Melancholie gerückt.

          Aus der Welt gefallen 

          Robert Burton erhob im siebzehnten Jahrhundert das Melancholisieren (melancholizing) zu einem aktiven Vorgang, bei dem über unerfüllte Bedürfnisse gegrübelt oder der Liebe entgegengesehnt wurde. Das veredelt die Melancholie mit schöpferischem Potential. So kann sie in das erhebende Gefühl der Selbsterfahrung umgedeutet werden. Diese innere Seelennatur setzte die Romantik mit den äußeren Naturlandschaften gleich. Die Landschaften weiteten sich, der einzelne Mensch verblasste und schrumpfte auf die Größe eines Steins, wie etwa Caspar David Friedrichs Mönch am Meer. Offenheit als Weltformat.

          Die Verbreitung der Psychiatrie im neunzehnten Jahrhundert versuchte diesen riesigen Möglichkeitsraum zu schließen, und der Melancholiebegriff wurde großflächig durch den der Depression abgelöst. So ähnlich sich beides ist, erhält sich die Melancholie in der Nähe zu den Dingen, während die Depression von ihnen wegführt. Walter Benjamin greift das schöpferische Potential der Melancholie auf. Sie lasse die Welt als eine Ansammlung bedeutungs- und nutzloser Objekte erscheinen und lässt dadurch neue Bedeutungen zu. Erst die entleerte Welt ermöglicht ihre Transformation. Das eröffnet die Welt der subjektiven Selbstreflexion. Das Zurückgeworfensein auf sich selbst, als Ahnung, aus der Welt gefallen zu sein. Melancholie ist ein intimer empfindsamer Zustand gegenüber der eigenen Ziellosigkeit.

          Wolke des Unwissens

          Warum erfreut sich aber gerade dieses Gefühl einer solchen Beliebtheit? Warum wird die Gemütstrübnis verlangt? Die These lautet, weil Musik immer öfter der zuvor beschriebenen Erfahrung entstammt und ihre Hörer diese Stimmung teilen. 1927 schrieb Siegfried Kracauer, „Filme sind der Spiegel der bestehenden Gesellschaft“. Das könnte in Ansätzen für die Musik geltend gemacht werden.

          Trotz aller Technik, allem Verstand und aller Informationen über die Welt können die Dinge nur wahrgenommen werden wie sie erscheinen, nicht wie sie sind. Der von der Digitalisierung beschleunigte Informationsaustausch hat nicht dazu geführt, dass wir mehr wissen, sondern weniger verstehen. „Je ne sais quoi“, ich weiß nicht was, heißt es in einer französischen Redensart. Gemeint ist ein unbestimmbares Wesentliches, das uns beim Durchwandern der Wolke des Unwissens begleitet. Wie gegen den Klimawandel vorgehen? Wie steht es um die drohende Ressourcenknappheit? Wie wird sich der Brexit auswirken? Wird die Pandemie bald eingedämmt sein, und welche Rolle werden die Virusmutationen noch spielen?

          Das Misstrauen wächst

          Das nur auf der großen Weltbühne, während sich in den kleinen Zimmern gefragt wird, wohin mit meiner Zukunft? Will ich sein, der ich bin? Die Dringlichkeit und die Unlösbarkeit erdrücken den Einzelnen in ihrer Gleichzeitigkeit. In der Überforderung bleibt ein individueller Möglichkeitsraum, in dem die Utopien der eigenen Zukunft verlorengehen. Zurück bleibt der Suchende im Wissen um die Ungerechtigkeiten und Machtstrukturen und dem Gefühl, ihnen nicht beizukommen. Im Fragemodus der Ungewissheit glüht die Melancholie in sämtlichen Gesellschaftsbereichen, jederzeit kann sie zwischen Resignation und Verschwörungsmythen entflammen. Weil man keine Wahrheit mehr finden kann, zwingt man sie, sich zu zeigen.

          Von allen Seiten wird mehr Transparenz verlangt, weil das Misstrauen wächst. Die omnipräsente Maßstabslosigkeit legt eine Grundveranlagung für Melancholie frei: uneinlösbare Versprechen wie Baumarktmitarbeiter als „Master of Menschlichkeit“ oder Waschmittel mit Weltformel, während Kaufrausch und Selbstoptimierung jederzeit Unvollständigkeit nicht nur indizieren, sondern injizieren.

          Im Schwebezustand der Unsicherheit

          Währenddessen zerrt die ständige Personalisierung den Einzelnen aus der Gemeinschaft. Die Missverhältnisse setzen sich fort im Retroschick der Konservierung und Wiederbelebung des Vergangenen. Youtube-Videos in HD grieseln wie 16mm-Film, Instagram wimmelt von digitalen Polaroidbildern in matten Pastelltönen. Die Melancholie winkt hier als nostalgische Geste einer Hoffnung auf eine zweite Chance. Es ist die Sehnsucht der Popkultur, sich in Referenzen auszudrücken. Die Sehnsucht wird wortwörtlich verstanden: Das Sehnen nach etwas, das einmal war und nicht reproduzierbar ist. Und die Sucht, das Verlangen, etwas wiederherzustellen.

          So birgt die Musik Erinnerungen an das, was sich hinter Artikulationen und Klangfarben verbirgt. Im melancholischen Ton moderner Popmusik spiegelt sich letztlich die Sehnsucht nach fiktiven Umständen, zusammengefasst in den Worten „wenn es doch anders wäre“. Melancholie erzählt vom Heimweh, in sich selbst zu Hause sein zu wollen, und mit der Musik kann dieses Gefühl geteilt werden. Im Schwebezustand der Unsicherheit wird melancholische Musik zum großen Mantel, unter dem man seine Verletzlichkeit so schön verstecken kann.

          Weitere Themen

          Attacke auf Gutmensch

          Ideologiekritiker Pohrt : Attacke auf Gutmensch

          Hausbesetzer verspottete er als rebellische Heinzelmännchen, die Friedensbewegung als nationalistische Ideologie: Das Hamburger Institut für Sozialforschung erinnert an den Ideologiekritiker Wolfgang Pohrt.

          Topmeldungen

          Abschied von Merkel : „Wie Rom ohne Vatikan“

          Angela Merkel verlässt nach 16 Jahren die europäische Bühne. Bei ihrem letzten EU-Gipfeltreffen bekommt sie warme Worte, stehenden Applaus – und ein seltsames Geschenk.
          Leif Eriksson war hier gewesen. Diese Gebäude der Wikingersiedlung an der Bucht L’Anse aux Meadows auf Neufundland sind allerdings rekonstruiert.

          Wikinger in Nordamerika : Tausend Jahre Vínland

          Die Wikinger kamen bis nach Kanada. Aber wann? Jetzt ist es endlich gelungen, ihre Hinterlassenschaft dort exakt zu datieren.
          Der französische Präsident Emmanuel Macron am 20. Oktober bei der Eröffnung der FIAC, Frankreichs größte Messe für zeitgenössische Kunst, in Paris

          Einmalzahlung für Franzosen : Macron als Weihnachtsmann der Nation

          Nach der Ankündigung einer Einmalzahlung für alle Franzosen mit einem Nettogehalt von weniger als 2000 Euro wird Frankreichs Präsident Emmanuel Macron heftig kritisiert. Nicht nur aus der Politik – sondern auch von Bürgern.
          Wann Julian Nagelsmann wieder an der Seitenlinie steht, ist unsicher.

          Corona beim Bayern-Trainer : Nagelsmann arbeitet jetzt in der Küche

          Der corona-infizierte Bayern-Trainer Julian Nagelsmann ist „ein bisschen schlapp“. Wann er die Isolation beenden darf, entscheidet das Gesundheitsamt. Vorerst bleibt er in seinem „Analysezentrum“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.