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Meistgesuchter NS-Kriegsverbrecher : Dr. Tod lebt nicht mehr

Aribert Heim auf einem Fahndungsfoto, entstanden um 1950 Bild: dpa

Dass Aribert Heim, der meistgesuchte NS-Kriegsverbrecher, noch lebt, glaubten viele. Eine Recherche legt nun dar, dass er 1992 in Kairo verstarb. Er lebte lange in Ägypten und trat zum Islam über. Heim galt als einer der grausamsten KZ-Ärzte. Hunderte Häftlinge ermordete er qualvoll.

          Auf der Liste der weltweit meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher steht Aribert Heim auf Platz eins. Eine Belohnung von 315.000 Euro ist für seine Ergreifung ausgesetzt. Vierundneunzig Jahre wäre er heute alt, vor siebenundvierzig Jahren ist er untergetaucht. Gesucht wird er als „Dr. Tod“, als der Schlächter von Mauthausen, der in seiner Grausamkeit Josef Mengele in nichts nachstand.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Aus purem Sadismus soll er Häftlingen unbeschreibliche Qualen zugefügt haben. Doch blieb er nach dem Zweiten Weltkrieg lange unbehelligt, 1962 entging er seiner Festnahme knapp und tauchte unter. Seither vermuteten ihn die Nazijäger des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Südamerika, im chilenischen Puerto Montt, wo seine uneheliche Tochter lebt. Noch im vergangenen Jahr glaubte der Leiter des Wiesenthal-Zentrums in Tel Aviv, Efraim Zuroff, man werde den einstigen KZ-Arzt „in den nächsten Wochen kriegen“ (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 27. Juli 2008). Folgt man einer Recherche der „New York Times“ und des ZDF, dann hat Zuroff am falschen Ende der Welt und nicht nach einem Phantom, sondern einem Toten gesucht.

          Konversion zum Islam

          Den Erkenntnissen der Journalistin Souad Mekhennet - die auch als Mitarbeiterin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wirkt - und des stellvertretenden ZDF-Chefredakteurs Elmar Theveßen zufolge, lebte „Dr. Tod“ fast in der Nähe derjenigen, die nie aufgaben, ihn zu suchen - in der ägyptischen Hauptstadt Kairo. Dort soll Aribert Heim am 10. August 1992 an Krebs verstorben sein. In Ägypten soll Heim als Muslim unter dem Namen Tarek Farid Hussein gelebt haben, Anfang der achtziger Jahre war er zum Islam übergetreten, zuvor hatte er unter seinem zweiten Vornamen als Ferdinand Heim in Ägypten gewohnt.

          Hinterlassenschaft eines Menschenschinders: Heims Aktentasche

          Die Rechercheure stützen ihre Darstellung auf zahlreiche Zeugen und Aktenfunde. Im Interview bestätigt ihnen ein Sohn Heims, dass sein Vater in Kairo gelebt habe, Mitte der siebziger Jahre habe er ihn erstmals besucht und 1990 nach einer Operation gepflegt, 1992 sei Aribert Heim gestorben: „Am Tag nach dem Ende der Olympiade, am 10. August frühmorgens, ist er eingeschlafen.“

          Zweifelsfreier Identitätsnachweis

          Nach den Aussagen seines Sohnes war Heim über Frankreich, Spanien und Marokko nach Ägypten geflohen. An Geld mangelte es ihm lange nicht, er hatte Einkünfte aus einem Mietshaus in Berlin, die ihm seine Schwester überwies. Bei ihren Recherchen in Kairo fiel den Reportern eine Aktentasche in die Hände mit mehr als hundert Dokumenten, darunter die Kopie eines ägyptischen Passes, Kontoauszüge, persönliche Briefe und medizinische Unterlagen, die Heim bis zu seinem Tod aufbewahrt hatte. Danach lasse sich „zweifelsfrei nachweisen, dass Hussein und der gesuchte Nazi-Verbrecher ein und dieselbe Person sind“.

          Die erste Bestätigung auf Heims Identität bekam Souad Mekhennet von einem Hotelportier, der Heim - einen Mann von 1,90 Meter Größe, mit einem unverkennbaren Schmiss auf der Wange - auf einem Foto wiedererkannte. „Ja, das ist Mr. Hussein, da bin ich hundertprozentig sicher, das ist der Deutsche, der zum Islam übergetreten ist“, habe er gesagt.

          Beweise in der Aktentasche

          „Wir treffen die Söhne des Hotelbesitzers, für die Aribert Heim, der Gast aus dem siebten Stockwerk, offenbar so etwas wie ein Familienmitglied war. ,Ammou Tarek - Onkel Tarek' hätten sie ihn genannt“, berichtet der ZDF-Redakteur Theveßen. Auf der Dachterrasse des Hauses hätten sie Tennis und Squash gespielt. Die ägyptische Familie weiß offenbar nichts von der Vergangenheit ihres Gastes und führt die Reporter zu dem Zimmer, in dem Heim wohnte und in dem - sich die Aktentasche findet. Die Unterschrift unter vielen Dokumenten, sagt Theveßen, stimme augenscheinlich überein mit Heims „Signatur unter dem Operationsbuch von Mauthausen“. Inmitten der Papiere finden die Reporter einen Hotelbeleg mit dem Namen von Heims Sohn Rüdiger, der ihnen später, in Deutschland, alles bestätigt.

          Nach einem sogenannten Sühneverfahren, das in Deutschland 1979 gegen Heim angestrengt wurde und ihn wenigstens einiger Geldflüsse beraubte, war der Sohn über die Anklagen gegen seinen Vater im Bilde. „Dann habe ich ihm natürlich diese Frage gestellt, ob er diese Person ist. Und ich kann jetzt nur wiedergeben, was er mir gesagt hat - ich bin kein Staatsanwalt, ich bin kein Richter - er hat das von sich gewiesen.“ Bei einem Arzt, der Aribert Heim behandelte, versichern sich die Reporter der Krankheitsgeschichte, ein befreundeter Zahnarzt und die Witwe eines Geschäftsfreundes bestätigen Heims Tod.

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