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Meister-Eckhart-Preis für Serres : Neues Denken sticht in neue See

Träger des diesjährigen Meister-Eckhart-Preises: Michel Serres bei seiner Dankesrede in der Kölner Universität Bild: Röth, Frank

Dieser Philosoph hat die Welt noch im Griff. Michel Serres bedankt sich in Köln für den Meister-Eckhart-Preis. Von einer treffenden Rede mit utopischem Kern.

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          Als Michel Serres vorgestern mit dem Thalys von Paris nach Köln fuhr, um in der dortigen Universität den Meister-Eckhart-Preis entgegenzunehmen, saß neben ihm ein Mann, der auf seinem Bildschirm die Reiseroute unter dem Stichwort „way creatively“ verfolgte. Serres hätte ihm am liebsten auf die Schulter getippt und gesagt: „Guter Mann, das ist ein begrifflicher Widerspruch, ein Oxymoron. Wenn Ihnen ein Weg vorgezeichnet ist, können Sie ihn nicht gleichzeitig schöpferisch finden wollen.“ Der einundachtzigjährige Philosoph erzählte die Begebenheit am Abend vor der Preisverleihung auf einem Podium im Museum Ludwig - und hatte damit das Faible seines Denkens formuliert: aus erleuchteter Unordnung neue Ordnungen aufscheinen zu lassen.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Philosophie orientiert, indem sie desorientiert. Indem sie das für unabänderlich Gehaltene verfremdet und grenzenloses Erstaunen ermöglicht. Dass Serres, der alte Mann dort auf dem Podium, mit seinen blitzenden Augen, raschen Gesten und dieser aufreizenden Unbekümmertheit so jung wirkt - viel jünger als die später geborenen Mitdiskutanten -, mag daran liegen: dass er sich erkennbar erstaunen lässt; dass ein Leben führen für ihn nicht bedeutet, sich an der Auflösung von Widersprüchen zu verschleißen, sondern eine Perspektive zu gewinnen, in der Identität, dieser Götze unserer Nationalkulturen, als eine „Macke der Sprache“ erscheint.

          Auch in Köln warnte Serres vor der Verwechslung von Identität und (kultureller, religiöser, sexueller) Zugehörigkeit. „Was ist also Identität? Das ,ich bin ich‘, Punkt und Schluss. In allen anderen Fällen geht es um Zugehörigkeiten.“ So steht es in den soeben bei Merve erschienenen „Kleinen Chroniken“ - Serres’ lesenswerten „Sonntagsgesprächen“ mit dem Journalisten Michel Polacco.

          Mit einer friedlichen Seele

          Das alles ist bei ihm offen autobiographisch hergeleitet. Als Serres, die „Identitätsmacke“ verspottend, in seiner Kölner Dankesrede - nennen wir sie ein utopisches Plädoyer für die Verschmelzung von Frankreich und Deutschland - von den Tränen spricht, die er weint, wenn er heute die Grenze am Rhein überquert, dann weil es dem Kriegsteilnehmer jedes Mal in die Knochen geht, „dass ich im Frieden lebe, dass meine Generation dank Europa Frieden geschaffen hat“.

          Seine Philosophie ist dem eigenen Körper, dem Kriegsleib, abgerungen: „Zwischen meiner Geburt und dem Alter von achtundzwanzig Jahren hieß es nur: Krieg, Krieg, Krieg. Mein Körper, meine Füße, meine Waden, meine Schenkel, mein Geschlecht, mein Hintern, meine Brust und mein Kopf: ein Kriegsleib. Aber ich habe eine friedliche Seele.“

          Diese friedliche Seele begreift die Welt nicht zuletzt von den Kommunikationsspielräumen elektronischer Netze und digitaler Technologien her. Das ist der Anknüpfungspunkt für die Zunft der Medienphilosophen. In Köln war der eloquente Medienphilosoph Lorenz Engell zur Stelle, um Wasser auf die Mühlen der Fernsehtheorie laufen zu lassen. Serres muss aufpassen, dass er durch diesen medienphilosophischen Aktualisierungsversuch seine Philosophie nicht kleiner machen lässt, als sie ist. Denn deren Stärke liegt gerade darin: die sehr konkrete Beobachtung mit einem Blickwinkel maximaler Abstraktion zu verbinden und in einer frei gewählten Modellsprache Entlegenstes unvermutet eng zusammenzubringen.

          Die Erzählung eines Weitgereisten

          Darauf machte die Philosophin Petra Gehring in ihrer Laudatio aufmerksam, die einer glänzenden Navigation durch das Œuvre von Serres gleichkam. Es ist diese Freiheit des gedanklichen Verfügens, mit der sich Serres ein ums andere Mal den abfragbaren „Positionen“ entzieht. In diesem Sinne würdigte Gehring die „Debattenferne“ von Serres, welche einerseits der Grund dafür sei, dass er in Deutschland immer noch viel zu wenig bekannt sei. Andererseits ist es gerade die Verweigerung eines Denkens in Positionen, die ihn an der philosophischen Rettung der Welt arbeiten lässt: „Seine Texte verzichten auf Gegner.

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