https://www.faz.net/-gqz-6sn91

Meinungsfreiheit in Ungarn : Man sollte nicht feige sein

  • Aktualisiert am

Wenn „liberal“ zum Schimpfwort wird: Die ungarische Philosophin Ágnes Heller wird in ihrer Heimat für ihre öffentliche Kritik angefeindet. Mit Johanna Adorján spricht sie über die Hetzkampagne gegen sie und andere Wissenschaftler in Ungarn.

          5 Min.

          Ágnes Heller, 1929 in Budapest geboren, ist eine der wichtigsten Philosophinnen des 20. Jahrhunderts. Sie überlebte den Holocaust zusammen mit ihrer Mutter, ihr Vater und viele weitere Familienmitglieder wurden ermordet. Sie war Meisterschülerin und spätere Assistentin von Georg Lukács, geriet durch kritische Schriften in Konflikt mit der kommunistischen Partei, es folgten Berufsverbot, Bespitzelung, schließlich Emigration: 1977 ging sie nach Australien, 1988 wurde sie Hannah Arendts Nachfolgerin auf dem Lehrstuhl für Philosophie an der New School for Social Research in New York. Heller, die vergangenes Jahr mit der Goethe-Medaille der Stadt Weimar ausgezeichnet wurde, lebt heute wieder in Budapest - und sieht sich dort neuerdings heftigen Anfeindungen ausgesetzt. Konsequent scheint die Regierung ihren Weg fortzusetzen, jede kritische Stimme in der Öffentlichkeit zu diskreditieren.

          Die ungarische Regierung hat ein Verfahren gegen Sie und andere Wissenschaftler wegen Unregelmäßigkeiten bei der Verwendung von Fördermitteln der EU eingeleitet. Es geht um umgerechnet etwa 1,8 Millionen Euro. Was genau wird Ihnen vorgeworfen?

          Ágnes Heller: Im Grunde ist das vollkommen nebensächlich. Aber gut, es geht um Förderungsgelder, die unter mehr als hundert Leute für einige wissenschaftliche Arbeiten verteilt wurden. Von 103 Fällen hat man sechs Fälle ausgewählt und nur diese untersucht. Der Haupt-Inquisitor . . .

          . . . der Abrechnungsbeauftragte der ungarischen Regierung, Gyula Budai . . .

          . . . hat in dreien dieser sechs Fälle Anzeige erhoben. Ich bin darunter, wohl weil ich meine kritische Meinung öffentlich in der Presse gesagt habe. Die offizielle Anklage lautet, dass wir das Geld des Staates verschwendet hätten. Ursprünglich hieß es noch, wir hätten es gestohlen.

          Als „Heller-Gang“ wurden Sie und Ihre Kollegen in der Zeitung „Magyar Nemzet“ bezeichnet, die, wie fast alle Zeitungen im Land, regierungsnah ist und an der Spitze dieser Kampagne steht.

          Ja, die Heller-Gang hätte eine halbe Milliarde Forint „weg-recherchiert“. Das klang wie Diebstahl. Jetzt klingt es nur noch wie schlechte Ökonomie, wie auch immer sie das beziffern wollen. Sie haben keine Ahnung, was eine Konferenz kostet oder wie viel man für eine Heidegger-Übersetzung zahlt. Geschweige denn, wie man „Nietzsche“ ausspricht.

          Um was geht es wirklich?

          Um die Auswechslung der gesamten Elite. Orbán hat verkündet, sein Wahlsieg sei eine „Revolution“ gewesen, also braucht es jetzt eine neue Elite. Nacheinander werden nun alle angeklagt, der Operndirektor, Theaterdirektoren, Zeitungsredakteure, Fernseh-Programmdirektoren, und unter anderem sollen jetzt eben auch die Philosophen drankommen.

          Sie halten die ganze Sache für politisch motiviert.

          Sogar die Zeitung hat es so präsentiert. Ich wurde im Artikel als „liberal“ bezeichnet, und es wurde zitiert, was ich über Herrn Orbán gesagt hatte, woraus hervorging, dass ich ihn nicht mag. Das war sehr klar als politische Kampagne formuliert. Interessant auch, dass es eine orchestrierte Aktion war: Die Anschuldigungen gegen uns erschienen gleichzeitig auch in den Zeitungen „Magyar Hírlap“ und „Magyar Fórum“, in letzterer war das Ganze antisemitisch aufgezogen; außerdem brachten es zwei Fernsehstationen, alle hatten es gleichzeitig.

          Weitere Themen

          Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane Video-Seite öffnen

          Festnahme : Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane

          Auf der Art Basel in Miami hat ein Performance-Künstler eine an die Wand geklebte Banane aufgegessen, die ein Werk des Italieners Maurizio Cattelan und bereits für einen sechsstelligen Betrag verkauft worden war.

          Topmeldungen

          Unser Sprinter-Autor: Jasper von Altenbockum

          F.A.Z.-Sprinter : Im Treibhaus der Klimakonferenzen

          Auf der Klimakonferenz in Madrid wird es ernst, mit dem Kohleausstieg allerdings noch nicht – und auch das Klimapaket lässt auf sich warten. Was sonst noch wichtig ist, steht im F.A.Z.-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.