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Meine Krise III : Die Lust wiederentdecken

  • -Aktualisiert am

Im Herzen Frankreichs steht der Eifelturm, das „Bedürfnis nach Geist, Emotionen oder Eindrücken“ stillt Emmanuelle Pagano in der Provinz Bild: dapd

Die Konsumgesellschaft ist reich an Gleichgültigkeit, mangelndem Elan und Zynismus. Ihr wahrer Wert lässt sich am besten an ihrer äußersten Grenze erfahren - in der Abgeschiedenheit.

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          Die Krise tangiert mich kaum, weil ich weit weg von der Konsumgesellschaft lebe, und zwar sowohl im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Die Kinder und ich wohnen an einem sehr entlegenen Ort. Wenn Schnee fällt, sind wir oft von der Außenwelt abgeschnitten. Wir haben kein fließendes Wasser, keinen Fernseher, kein Festnetztelefon und nur sehr schlechten Handyempfang. Der nächste Bäcker ist immer noch sehr weit weg, genau so wie der Bahnhof oder eine Arztpraxis.

          Zum Heizen haben wir einen Kamin, für den ich jedes Jahr, bevor der Herbst beginnt, etwa drei Kubikmeter Holz sammeln und hacken muss. Ich lebe ein bescheidenes Leben, für das ich viel Zeit aufwende. Meine Mittel sind begrenzt, es ist fast so, als wäre mein Zuhause die Krise.

          Die westliche Welt als Wüste

          Meine Ausflüge in die Außenwelt sind selten und beschränken sich auf das Nötigste. Ich gehe nie zum Friseur. Kleider einkaufen, das erscheint mir als Luxus, als Zeitverschwendung, sogar Dummheit. Ich erfreue mich an der Fülle meiner Empfindungen und Gedanken, die man nirgends kaufen kann, die mich aber jeden Tag bereichern. Insofern fühle ich mich reich.

          Das, was ich aus der Entfernung von dieser Krise mitbekomme, scheint mir nicht wirklich mit wirtschaftlichen Problemen zu tun zu haben. Vielmehr meine ich, in einer künstlichen Gesellschaft zu leben, die kein Bedürfnis nach Geist, Emotionen oder Eindrücken hat und sich stattdessen mit Brot und Spielen zufriedengibt. Die westliche Welt ist zu einer kulturellen und spirituellen Wüste geworden, und die, die in ihr leben, sind nur noch Konsumenten irgendwelcher Produkte - und das schließt kulturelle Produkte mit ein. Sie sind weder kreativ noch rezeptiv: sie schlucken nur runter. Die Gleichgültigkeit, der mangelnde Elan, der Zynismus passen zur derzeitigen wirtschaftlichen Depression, die auch deswegen so gefährlich ist, weil die allgemeine Apathie zu rechtfertigen scheint: In einer Gesellschaft, in der Sein und Konsum identisch sind, ist es klar, dass eine wirtschaftliche Krise die Leute depressiv macht.

          Eine Abkehr vom Konsum

          Ich weiß nicht, ob sich die Einstellung gegenüber Deutschland in der Krise verändert hat - die Franzosen hegen, Krise hin oder her, schon immer wenig Interesse für andere Länder und Kulturen. Die Krise liefert bloß einen guten Vorwand, sich noch heftiger als sonst der nationalen Lieblingsbeschäftigung hinzugeben: dem Jammern. In dieser Stimmung suchen viele meiner Landsleute vor allem einen Vorwand, nichts zu verändern und Europa noch weniger sozial zu gestalten, als es ohnehin schon ist. Die Liberalen nutzen die Krise zur Selbstvergewisserung nach dem Motto: Wir haben sie verursacht, wir werden sie auch wieder lösen. Aber das verkennt das Wesen dieser Krise.

          Vielleicht wird die Krise uns die Möglichkeit geben, uns zu ändern - sie könnte uns helfen, uns vom Konsum abzuwenden, weil wir das Geld gar nicht mehr haben. Wir könnten mit der Notwendigkeit auch die Lust wiederentdecken, solidarisch zu sein, aber auch zu reden, sich auszutauschen, zu lesen, zu betrachten, zuzuhören, zu glauben. Glauben heißt Widerstand leisten, sich selbst bereichern und andere, ohne Kommerz. Vielleicht ist die Krise eine Chance, um uns eine andere Art und Weise vorzustellen, in der Welt zu sein.

          Protokoll und Übersetzung von Lena Schipper.

          Emmanuelle Pagano, geboren 1969, ist Schriftstellerin, unterrichtet Bildende Kunst und ist Mutter dreier Kinder. 2009 erhielt sie den Europäischen Literaturpreis. Zuletzt erschien ihr Roman „Bübische Hände“ auf Deutsch im Verlag Klaus Wagenbach

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