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Charlotte Roche im Gespräch : Meine Heldin soll gar nicht nett sein

„Es war mir wichtig, eine Freiheit und einen Witz darin zu finden, über das Muttersein abzukotzen, weil es immer so glorifiziert wird, gerade in Deutschland“, sagt Charlotte Roche Bild: Foto Sandra Stein

Charlotte Roche hat nach „Feuchtgebiete“ und „Schoßgebete“ einen neuen Roman geschrieben: „Mädchen für alles“. Es geht um TV-Serien, ein sexy Kindermädchen und um die Familienhölle.

          Eine Weile lang war es ruhig um die 37-jährige Fernsehmoderatorin und Autorin Charlotte Roche – was bei jemandem wie ihr natürlich nur die Ruhe vor dem nächsten Sturm bedeuten kann. Zwei Jahre hat sie sich in einem Büro in Köln zum Schreiben zurückgezogen, mit Stille erzeugenden Kopfhörern auf den Ohren. „Mädchen für alles“ heißt das Buch, das dabei entstanden ist. „Feuchtgebiete“ und „Schoßgebete“ waren ja so konzipiert, dass man die Heldinnen immerzu mit der Autorin verwechseln konnte und sollte. Das funktioniert jetzt nicht mehr. Und es ist nicht ganz klar, ob das eine gute oder eine schlechte Nachricht ist.

          Julia  Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sie haben Ihrem neuen Buch ein Zitat vorangestellt: „Mein ganzes Wissen über Menschen und Gewalt und wie man Menschen Gewalt richtig antut, ziehe ich aus Serien. Ich schaue oft fünf oder sechs Serien gleichzeitig. Was habe ich eigentlich vorher immer gemacht?“ Man weiß nicht, wer da spricht, Sie oder eine Romanfigur. Sie spielen damit.

          Klar.

          Also wollen Sie, dass Ihre Leser erst mal denken: Charlotte Roche guckt ständig Fernsehserien. Tun Sie das?

          Ich gucke wahnsinnig viel, so dass ich mich auch wirklich frage, wie Sie das gerade zitiert haben, was ich vorher gemacht habe. Dieses Seriengucken ist wie ein ganz starke Sucht, die täglich befriedigt werden will.

          Täglich?

          Ja. Ich gucke Serien weg, da gibt’s gar keinen Begriff für. Ich bin auch immer auf der Suche nach neuen. Da ist erst die vorbei, dann die vorbei, dann kriegt man den kalten Affen, also Entzugserscheinungen und braucht neue.

          Sie gucken alleine?

          Alles wird gemeinsam mit meinem Mann angefangen, dann springt der eine oder die andere ab. Das ist dann der Freifahrtschein für eine offene Beziehung: Alles ist erlaubt, was diese Serie angeht. Vorher ist es wie ein fettes Eheversprechen. Eine Serie, die gemeinsam geguckt wird, wird auch gemeinsam geguckt. Mir ist es ehrlich gesagt lieber, meinen Mann mit einer anderen Frau im Bett zu erwischen, als wenn er sich verriete und etwas wüsste, was er noch nicht wissen kann – was heißt, er hat ohne mich weitergeguckt.

          Sie wurden schon mit einer Serie betrogen?

          Das würde mir nie passieren.

          Und wie geht das, viele auf einmal gucken? Da hat man doch immer vergessen, wo man aufgehört hat und was da gerade los war?

          Man muss halt auch schon intelligent sein.

          Am Anfang fühlt man sich beim Lesen ja erst mal sehr an „Feuchtgebiete“ und „Schoßgebete“ erinnert: Die Hauptfigur hat Menstruationsbeschwerden, denkt über Blähungen nach, Avocados kommen auch vor, also diese ganze Toilettenwelt. Wieso das jetzt alles nochmal?

          Ich habe die Kurzgeschichten von Alice Munro gelesen. Da gibt es eine Geschichte über eine Frau, die in einem Zug ein Tampon-Problem hat. Das ist so eine Freude für mich, so etwas zu lesen, weil einen so etwas doch so beschäftigt. Als Frau blutet man jeden Monat, von der Pubertät bis zu den Wechseljahren, und ich kann nicht aushalten, dass das nicht vorkommt. Ich bespiele ein Haus. Und ich weigere mich, das Badezimmer wegzulassen.

          Geht es auch darum, Ihre Leser nicht zu enttäuschen und Ihnen das zu geben, was sie erwarten, wenn Sie das neue Buch von Charlotte Roche kaufen?

          Das gilt eher fürs Thema Sex. Als ich das Buch fertig hatte, habe ich meinem Verleger gesagt, dass ich mal ein Buch schreiben will, dass nur aus Sex besteht. Das fluppt so. Das steht wie eine Eins, da wird nichts dran geändert. Sie können sich nicht vorstellen, wie schnell ich das schreibe. Da komme ich mir wirklich vor wie ein Medium. Wenn es einen Beruf gäbe, den man ausüben könnte, indem man nur Sexszenen schreibt, dann wäre ich die beste Besetzung.

          In „Feuchtgebiete“ und „Schoßgebete“ war es ja so, dass es für die Leser immer die Möglichkeit gab, Sie mit der Hauptfigur zu verwechseln. Hier geht das schon bald nicht mehr so ohne weiteres, weil die psychisch vollkommen gestört ist. War es Ihnen ein Anliegen, eine Grenze zu markieren?

          Absolut. Zum ersten Mal zum Beispiel sieht die Hauptfigur anders aus, ist anders gebaut. Dieses Mal hat es Spaß gemacht, viel mehr zu erfinden.

          Ich mochte diese Figur nicht besonders.

          Das höre ich gern.

          Es gibt diese Szene, in der sie nicht in ein Flugzeug steigen will und die Behörden informiert, weil sie glaubt, eine verdächtige Person beobachtet zu haben. Verdächtig, weil der Mann aussieht wie Mohammed Atta. Ich dachte: Was ist das für eine Rassistin?

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