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Mein Otto (6) : Ottos Fant klotzt

  • -Aktualisiert am

Eine zeitlang waren die Ottifanten ja durchaus witzig... Bild: picture-alliance/ dpa

Mit einigem Recht kann behauptet werden, dass der Elefant in Deutschland seinen Siegeszug erst mit Otto Waalkes antrat. Irgendwann war Oliver Jungen vom Durchmarsch der Rüsselträger aber derart enerviert, dass er aus Furcht vor Ottifanten um fast keine Ecke mehr zu biegen wagte.

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          Gut, Brehms Vorarbeit ist nicht ganz zu leugnen. Trampelte ihm doch eines Tages „ein mächtiges, plumpes, vierschrötiges Thier mit massigem, breitstirnigem Haupte, kurzem Halse, gewaltigem Leibe und säulenartigen Beinen“ über den Weg. Auch Hannibal mag seinen Anteil gehabt haben. Und möglicherweise ein paar durchgeknallte Inder mit ihrem rosafarbenen Ganesha. Aber sonst?
          Nein, mit einigem Recht kann behauptet werden, dass der Elefant in Deutschland seinen Siegeszug erst mit Otto Waalkes antrat.

          Benjamin Blümchen - das für die Kinderkassettenfreaks - Benjamin Blümchen kam später. Der Grund ist einfach: Ottogott, der mächtige, plumpe, vierschrötige Blödeldödel aus Emden, hat den Elefanten neu erfunden. Das Design verbessert. Ist doch die Voraussetzung der meisten Siegeszüge - man denke an den Ipod, den Protestantismus oder Guido Knopp - gnadenlose Komplexitätsreduktion (einzige Ausnahme der Triumph der immer schon minimalkomplexen Kartoffel).

          Der Durchmarsch der Rüssel

          Der neue Prototyp entstand in den Siebzigern: Rüssel, Augen, Bauch, so etwas ähnliches wie Füße - fertig war der Ottifant. Eigentlich eine Kartoffel mit Rüssel. Zunächst auf den Covern der Ottoplatten („Rüssl Räckords“) ausgewildert. Es hat ein evolutionsgeschichtlich zu vernachlässigendes Jahrzehnt gedauert, bis dann in den achtziger Jahren ganze Horden dieser Viecher in die Schulen einbrachen. Ein sexuell offenbar turboaktiver, ein explodierender Bestand, der geschwollenen Rüssels durch die Instanzen marschierte, die es damals so gab: Tafelrückseite, Leichtathletik-Siegerurkunde, Klassenbuch.

          Schwer zu schätzen, wie viele tausend Ottifanten allein der Verfasser, im Folgenden Verf., hinterlassen hat. Flugs hingeworfene Markierungen von Heften oder Schweinsledermäppchen, größere Sequenzen mit Handlungsrudimenten, ganze Comics und Daumenkinofilme in geliehenen Schulbüchern, in Tische gekratzte, aufwändig kolorierte Großporträts.

          Eine drallquallige Stufenstulle überzieht

          Wann der Spaß kippte, lässt sich nicht mehr genau eruieren. Von welchem Moment an die Ottifantenepidemie außer Kontrolle geriet, zum Problem wurde, auch und vor allem zum seelischen. Wer ein Lied davon singen kann, mit Blechgitarrenbegleitung, ist der Verf. Hatte er sich doch mit dem Namen „Olifant“ zu arrangieren. Vorgeblich eine genetische Mutation aus der auch nicht viel besseren, aber immer noch phonetisch erklärbaren Wendung „Olipferd“. In Wahrheit aber natürlich ein animalpoetischer Übergriff, für den dieser Witz gewordene Ostfriese geradezustehen hat.
          Ihren Höhepunkt erreichte die Kampagne in der Gestalt von L., der drallqualligen Stufenstulle.

          L. erblickte seinen gesamten (nicht sehr ausgeprägten) Existenzsinn plötzlich darin, ohne erkennbare Intention, aber ausnahmslos jedes Mal, wenn der Verf. um eine Ecke bog, ein so hirnloses wie lautes „Olifaaaaant“ über den gesamten Schulhof zu tröten. So dass sich der Verf. schließlich kaum noch traute, um Ecken zu biegen. Und bis heute traumatisiert ist, was Ecken angeht und automatische Erkennungssysteme. Ansonsten, im Unterricht etwa, schwieg L. behäbig und fraß ohne Unterlass „Negerkussbrötchen“ vom Schulbüdchen.

          Das Böse kehrt zurück

          So eine Karriere legt nicht jeder hin: Von der einfältigen Idee zur Heimsuchung. Ich hatte jedenfalls nun einen veritablen Ottifanten auf den Fersen. Freilich ohne Rüssel. Was ist das aber letztlich auch schon, so ein Rüssel? „Sein vorderer Theil ist drehrund, jede seiner Seiten etwas gedrückt, der hintere Theil, welcher jederseits durch eine vorspringende Leiste begrenzt wird, im oberen Viertel der Länge flach, im übrigen Verlaufe mehr und mehr ausgehöhlt, vor dem Ende mit einem dicken, hinten knollig aufgetriebenen Wulstringe umgeben, vorn mit dem ausgezeichneten Greifwerkzeuge, einem deutlich abgesetzten, kegeligen, fingerartigen Haken, ausgerüstet und an dem abgestutzten Ende selbst in Gestalt einer becherförmigen Höhlung eingebuchtet“ - eine zuschnappende Fleischwurst also, will uns Alfred Brehm damit sagen. L. brauchte dieses Werkzeug nicht, um Ottifant zu sein, war mit seiner Kartoffelphysiognomie ganz zufrieden. Endlich überwunden glaubte der Verf. diese Phase - und jetzt plötzlich das Jubiläum.

          Liest man weiter bei Brehm, fällt auch er einem in den Rücken: „Der Elefant ist nur scheinbar plump, in Wirklichkeit sehr geschickt.“ So, so. „Scharfer, überlegender Verstand läßt sich nicht verkennen“. Nur weil er meistens frisst und schweigt? Und weiter: „Der Elefant steht den klügsten Säugethieren, einem Affen, Hunde oder Pferde, ziemlich gleich. Er überlegt, bevor er handelt, verbessert und vervollkommnet sich mehr und mehr, ist für Lehre empfänglicher als jedes andere Thier und erwirbt sich mit der Zeit einen wahren Schatz von Kenntnissen.“ Man muss sagen, dass L. den Verf. mit der Zeit auf immer größere Entfernungen erkannte. Schließlich konnte er ihn sogar um Ecken herum wittern und ankündigen.

          Der Verf. weiß nicht, was aus L. geworden ist. Er gäbe einen guten Wachhund ab oder einen mittelalterlichen Herold. Steht aber auch einem Pferde oder Affen ziemlich gleich. Ganz und gar unbeschreiblich das Gefühl, Jahre später, das Traum war fast verwunden, im Museum plötzlich vor einem Olifanten zu stehen, einem mittelalterlichen Signalhorn. Geschnitzt aus einem Stoßzahn. Die Erklärungstafel fügte noch hinzu, dass die Tröten im 10. Jahrhundert aus dem Byzantinischen nach Europa importiert wurden. Und wer herrschte da gerade im Reich? Bingo: die Ottonen. Manchmal möchte man nur in einem Klo auf dem Meer treiben.

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