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Editions-Debatte : Sein Kampf

Lieber über- als unterkommentiert: Weißraum in der Neuausgabe von „Mein Kampf“. Bild: dpa

Das Interesse an „Mein Kampf“ erlahmt. Braucht das Volk eine einfachere Ausgabe ohne die vielen anspruchsvollen Fußnoten?

          2 Min.

          Die Nachfrage nach „Mein Kampf“ geht schon wieder zurück. In der „Spiegel“-Bestsellerliste ist die zweibändige kommentierte Ausgabe des Instituts für Zeitgeschichte soeben aus den Top Ten herausgerutscht. Interesse an Hitler erreicht Sättigungspunkt: Ist das nicht einmal ein schönes Zeichen für die Gelassenheit, ja: Abgebrühtheit der deutschen Zivilgesellschaft? Nein, sagt Thomas Weber, ein deutscher Historiker, der in Aberdeen lehrt. In der Tageszeitung „Die Welt“ fordert er im Interesse der „zivilgesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Hitler“ eine Volksausgabe. Die IfZ-Edition habe zu viele Fußnoten.

          Weber wendet seine Kritik ins Politische: Andreas Wirsching, der Direktor des IfZ, „traut der Zivilgesellschaft nicht“. Verfehlt war in Webers Augen der Verzicht auf Reklame. „Hinter der Furcht, dass ,Mein Kampf‘ zum Bestseller wird, steckt ein fehlendes Vertrauen in die Zivilgesellschaft Deutschlands.“ Weber weiß, wie ihr geholfen werden kann. „Wir brauchen Auswahleditionen, wie die israelische. Wir benötigen Volleditionen mit prägnanten Einleitungen, wie wir sie aus der angelsächsischen Welt kennen.“ Nur wer soll diese Einleitungen schreiben? „Schließlich brauchen wir Sven Felix Kellerhoffs vorzügliches Buch (,Mein Kampf: Die Karriere eines deutschen Buches‘, 2015), in dem er die Entstehungsgeschichte und den Inhalt von ,Mein Kampf‘ so gut wie kein Zweiter erzählt.“ Weber hat ein Buch über Hitler im Ersten Weltkrieg verfasst und gerade ein weiteres Buch veröffentlicht, in dem er erläutert, wie Hitler zum Nazi wurde. Ein solcher Fachmann mag Gründe für das Urteil haben, dass Kellerhoff die Geschichte von „Mein Kampf“ besser darstellt als Othmar Plöckinger, einer der Mitherausgeber der kommentierten Ausgabe, in seiner „Geschichte eines Buches“. Aber was kann man auf das Urteil geben, wenn es in der Zeitung steht, bei der Kellerhoff der leitende Redakteur für Zeitgeschichte ist?

          Vor drei Monaten wurde Weber von Kellerhoff interviewt, als er eine Tagung über Hitler in Film und Fernsehen veranstaltete. Der Leser erfuhr von Kellerhoff über Weber: „Gegenwärtig entwickelt er für die deutsche Produktionsfirma Ufa-Fiction und Beta-Film eine TV-Serie zu Hitler mit.“ Zu dieser ungedrehten Serie steht in Webers Artikel eine Prognose: Für „die zivilgesellschaftliche Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Vergangenheit“ werde das Projekt des Produzenten Nico Hofmann wohl ähnlich „gut und fruchtbar“ sein wie Hofmanns ZDF-Mehrteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“. Den eigenen Anteil an der Hitler-Serie verschweigt Weber. Wer Eigenwerbung so diskret betreibt, traut der Zivilgesellschaft wohl doch nicht.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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