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Mehr als nur eine Meinung : Ukraine, faktisch

  • -Aktualisiert am

Die europäische Entrüstung im Fall Timoschenko ist einhellig. Ein differenzierteres Meinungsbild zeigt sich in der Ukraine und in Moskau. Besonders deutlich wird ein Journalist aus Kiew.

          Am Kiewer Flughafen Borispol wird das Personal auf europäische Servicequalität eingeschworen. In Lemberg sind die neuen Pflastersteine fast fertig verlegt. Die Sicherheit der Anlagen entspreche deutschen Standards, lobt Uefa-Turnierdirektor Martin Kallen, und der italienische Star-Schiedsrichter Nicola Rizzoli preist die ukrainischen Nationalspieler als vorbildlich diszipliniert.

          Da wäre es schlicht unfair, wenn die Europäer die Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine boykottierten, findet die Schriftstellerin Oksana Sabuschko: Das zeige nur eine doppelte Moral; das französische Volk müsse ja auch nicht für die Skelette im Schrank von Präsident Sarkozy Sanktionen dulden! Warum wolle dann Angela Merkel ihre Solidarität mit Julija Timoschenko, die Oksana Sabuschko eine „pathologische Lügnerin“ nennt, so viel höher hängen? Die politische Klasse des Westens habe sich von der inhaftierten Ex-Premierministerin wohl eilfertig instrumentalisieren lassen.

          Janukowitschs Verdienste

          Die Moskauer Expertin „für das nähere Ausland“, Tamara Gusenkowa, die ein Buch über Julija Timoschenko verfasst hat, fühlt sich vom Zustand der Ukraine an das Regime der Saporoger Kosaken erinnert: Da glühe stets ein Funke Anarchie. Die „demokratische Show“ von Ex-Regierungschefin Timoschenko habe viele ihrer ehemaligen Anhänger Janukowitsch wählen lassen, bestätigt der Kiewer Journalist Saken Aimursajew, der aber zugleich daran erinnert, dass es Frau Timoschenko war, die seinerzeit die Europameisterschaft für die Ukraine sicherte.

          Die Entwicklung der ukrainischen Gesellschaft sei mit dem Machtkampf der Eliten nicht identisch, mahnt Reporter Aimursajew. Die eindrucksvolle Modernisierung von Flughäfen und Infrastruktur sei ein Werk der Mannschaft Janukowitschs. Zugleich bringen die von ihm wieder eingeführte Medienzensur, die Behandlung Timoschenkos, das Geschäftszentrum, das der Milliardär Rinat Ashmetow, ein alter Spezi des Präsidenten, in Kiews historischer Altstadt bauen darf, die Leute gegen ihn auf. Schon demonstrierten in Kiew Tausende gegen den „Sek“, und in Donezk, seiner Hochburg, wollen manche Anhänger zu der misshandelten Timoschenko überlaufen. Die liberale „Front der Veränderungen“ gibt beiden einen guten Rat: Der Präsident solle alle politischen Gefangenen freilassen - und Timoschenko den Hungerstreik aufgeben. Damit wasche sie weder die Schande von ihrem Land, noch rühre sie an das Gewissen ihrer Peiniger.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

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