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Medienschau : Geisterstadt Genua

Keine Wäsche vor den Fenstern beim G-8-Gipfel in Genua Bild: dpa

Die Vorbereitungen auf den G8-Gipfel in Genua laufen. Die Medien schauen auf die Sicherheit, den Widerstand und die Opfer.

          Während sich die Sicherheitskräfte in der italienischen Hafenstadt Genua auf den G8-Gipfel vorbereiten, die vergitterten Mannschaftswagen, Wasserwerfer und Schützenpanzer bereitstellen, berät man, wie die „Tageszeitung“ berichtet, in der Bevölkerung die Flucht.

          Die Geschäfte und Märkte der Innenstadt müssten geschlossen, die Buslinien eingestellt werden. Und so mancher Einwohner Genuas wünscht die hohen Damen und Herren zu ihren Beratungen in die Wüste. Vielleicht in einem klimatisierten Zelt.

          Polizeisperren durchbrechen

          Auch die so genannten Gipfelgegner bereiten sich auf die nächsten Tage vor. Ihr erklärtes Ziel ist ein positives Medienecho ihrer Aktionen. In weißen Overalls wollen die Demonstranten - die Organisatoren erwarten 10.000 Beteiligte - die Polizeisperren durchbrechen. Sie rechnen mit „ordentlich Dresche“, wie die „Tageszeitung“ zitiert, legen aber Wert auf die Feststellung, dass sie selbst nicht offensiv bewaffnet, sondern lediglich durch Helme, Polster und Plastikschilde geschützt seien. Unterstützung erfahren sie von vielen Seiten: Sonderzüge aus ganz Italien seien für die Anreise weiterer Demonstranten gebilligt, die Bahnhöfe im Stadtzentrum allerdings kurzerhand gesperrt worden. Und die Missionsschwestern haben die friedlichen Gegner in ihr Gebet eingeschlossen.

          Weißer Flusskies

          Auch die „Süddeutsche Zeitung“ ist bereits mit einer Korrespondentin vor Ort, die ihren Beitrag ebenfalls mit einigen Eindrücken der letzten Arbeiten eröffnet, mit denen Genua herausgeputzt wird. Und während die „Tageszeitung“ im zweiten Absatz ihres Textes am Kiosk steht und den Einwohnern bei ihren Klagen und Verwünschungen zuhört, spitzt die „Süddeutsche“ die musikalischen Ohren. Ein Arbeiter pfeift die „Internationale“. Und schon sind wir im Thema.

          Um die Suiten der Regierungschefs, die fast alle auf einem Luxusschiff im alten Hafen untergebracht werden sollen, zu verschönern, haben die Reichen der Stadt Ölgemälde und Antiquitäten geliehen, die Stadt hat für ihre Promenade hunderte von Palmen aus Ägypten geordert, Brunnen gebaut, frischen, srahlend weißen Flusskies ausgeschüttet - und im Hafenviertel zumindest die Fassaden der Häuser neu gestrichen, die vom Schiff aus zu sehen sein werden.

          Keine weiße Wäsche

          Die Altstadt. Sie wird in den Tagen des Gipfels zum Sperrgebiet, in ihr sollen rund 35.000 Menschen leben, 25.000 von ihnen auch gemeldet sein. Die „Süddeutsche“ beschreibt die Viertel als „Mikrokosmos, in welchem Licht- und Schattenseiten der Globalisierung auf wenigen Quadratkilometern zu besichtigen sind“. Bunt, laut, malerisch - dabei nicht unbedingt Gipfel-tauglich. So wundert es nicht, dass Silvio Berlusconi, Medienunternehmer und Ministerpräsident Italiens, selbst die letzten Flecken bemängelte, die auf der frisch gestärkten Schürze der Stadt - und ganz Italiens - zu sehen waren.

          Von eben dem Gebäude, in dem die Beratungen der Politiker stattfinden sollen, fiel sein Blick auf ein hässliches Bauwerk, das er flugs verkleiden ließ: Die Fernsehantennen mussten abmontiert werden, und das Gebäude wurde hinter maßgeschneiderten Reproduktionen von Bildern alter Palazzi verborgen. Selbst an der Wäsche, die die Bewohner der Altstadt über den Straßen trocknen lassen, hatte Berlusconi etwas auszusetzen.

          Zurück ins Meer

          Antonio Tabucchi schreibt in der „Welt“ über den Sommer in Italien. Er hat nichts auszusetzen, überzieht aber ein Szenario der ignoranten Sommerlaunen mit ätzendem Zynismus. Auf dem Weg zur Modernität müsste man den Preis vieler Straßentoter, die am Rande des Genueser Gipfels zu erwarten seien, eben zu zahlen bereit sein. Die Flüchtlingsschiffe, die seit Jahren Italiens Küsten anlaufen, müsste man eben zur Umkehr zwingen, zurück in die Länder, die „nicht zur G8 gehören, auch wenn die G8 ihre Ressourcen ausschöpfen“.

          Dass vor vier Jahren ein Schiff mit 450 Flüchtlingen vor der sizilianischen Küste gesunken sein soll, sei immer dementiert worden. Mittlerweile wüsste man allerdings, dass die dortigen Fischer seit Jahren immer wieder Leichen in ihren Netzen finden, die sie ins Meer zurückwerfen würden.

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