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Medienrundschau : Wir warnen

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Noch bevor der Irak-Krieg begann, hatte New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg die Debatte über den Krieg schon für beendet erklärt. Es ist aber nicht gelungen, alle amerikanischen Medien zum Schweigen zu bringen: Die Regierung Bush muss sich Hybris und Anfängerfehler vorwerfen lassen.

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          Bevor Präsident Bush den Krieg ausrufen konnte, hatte Michael Bloomberg, Bürgermeister von New York, die Debatte über den Krieg schon für beendet erklärt. Damit befindet er sich in zahlreicher Gesellschaft. Das Wohl und den Erfolg der Truppen fest im Blick, brandmarken Politiker wie Kommentatoren nun alle weiter gehenden Fragen als unpatriotisch. Doch obwohl die Medien sich weithin gefügig zeigen, ist es noch nicht gelungen, alle abtrünnigen Stimmen zum Schweigen zu bringen.

          Die "New York Times" hat noch einmal gewagt, den Weg zum "Krieg in den Ruinen der Diplomatie" mit Trauer und Empörung zu beschreiben. Für das "schreckliche diplomatische Versagen" wird dabei der eigenen Regierung mehr Schuld zugewiesen als dem Rest der Welt. Die Regierung Bush muß sich Hybris, Fehler von Politikveteranen, die sich wie Neulinge aufführten, und Mißachtung der europäischen Alliierten vorwerfen lassen.

          Amerika ist sich uneinig

          Die Zeitung sieht Amerika am entscheidenden Wendepunkt im Verhältnis zum Rest der Welt. Während Bush senior und auch Clinton Idealismus, Internationalismus und Multilaterismus gepflegt hätten, seien unter Bush junior die Alliierten abgewertet und militärische Macht überbewertet worden. Jetzt, da die Welt Amerika im günstigsten Licht sehen sollte, werde es im womöglich schlechtesten erscheinen. "Dieses Resultat war weder vorherbestimmt noch unausweichlich."

          Nun ist die "Times" nicht mehr umstandslos ins vorhersehbar liberale Lager zu verbannen, das sich jeder Idee von Krieg reflexartig verweigert. In den letzten Wochen hat das Blatt weder mit Argumenten für eine Invasion noch mit herber Kritik für zögerliche Europäer gegeizt, und es ist jetzt mit seiner tiefen Skepsis gegenüber einem raschen Kriegsbeginn keineswegs allein geblieben. Amerika ist sich weniger einig, als es aus der Ferne aussehen mag. Im Nachrichtenmagazin "Newsweek" analysiert Fareed Zakaria auf sechzehn Seiten das "Arrogante Imperium". Auch er spricht von einem Wendepunkt, und zwar für die westliche Allianz, für die europäische Einheit und die Vereinten Nationen. "In der Debatte geht es nicht mehr um Saddam", schreibt Zakaria, "sondern um Amerika und seine Rolle in der neuen Weltordnung."

          Die Regierung zitiert Gangster

          Das Mentalitätsgefälle zwischen Amerika und der restlichen Welt führt Zakaria auf den Schock des 11. September zurück. Seitdem empfinde der Durchschnittsamerikaner eine physische Bedrohung, wie es sie hier seit den frühen Jahren der Republik nicht mehr gegeben habe. Die übrige Welt dagegen sehe bloß ein Land, das von Terrorismus heimgesucht wurde und mit einer bislang unvorstellbaren Wucht zu reagieren vermag. Herablassung und Brachialmethoden setzten sich bis in die neue Umgangssprache der Regierung fort, die in ihren Bekenntnissen sogar Gangster zitiere.

          So soll einer der Lieblingssätze Donald Rumsfelds von Al Capone stammen: "Du wirst mehr mit einem freundlichen Wort und einer Knarre erreichen als mit einem freundlichen Wort allein." Auf solche Methoden sei der Haß der heutigen Antiamerikaner eher zurückzuführen als auf die beispiellose Macht, über die Amerika verfüge.

          Kann Amerika den Alleingang durchhalten?

          "Amerikanische Macht ist nicht einfach gut für Amerika", sagt Zakaria durchaus patriotisch, "sie ist gut für die Welt." Zakaria sieht die Außenpolitik seines Landes ganz darauf ausgerichtet, jeden Machtzuwachs eines anderen Landes zu verhindern. Er bezweifelt, daß Amerika den Alleingang auf Dauer durchhält. Krieg zu führen und für die Beseitigung der Folgen zu bezahlen übersteige die Finanzen selbst der Hypermacht, die zudem im Kampf gegen den Terror auf Kooperation angewiesen sei. Mit dem Krieg werde das Problem Irak gelöst, nicht aber das Problem Amerika. Es gelte auf den Pfad des Konsenses zurückzukehren und sich eines aufgeklärten Eigeninteresses zu erinnern, welches das der anderen in Betracht zieht. Die Sonderrolle des Landes dürfe nicht seiner militärischen Macht entspringen, sondern der Überzeugung der anderen, daß diese Macht legitim sei. Sonst könnte dieses nächste amerikanische Jahrhundert für Amerika einsam, brutal und kurz werden.

          Europa soll kein Gegengewicht zu Amerika werden

          Naturgemäß klingen Ratschläge aus dem publizistischen Umkreis der Regierung Bush ein wenig anders. Aber selbst die dem Weißen Haus innig verbundene "National Review" regt an, eine westliche Einigung anzustreben, wenn auch unter amerikanischer Führung. Denn andernfalls, ermahnt John O'Sullivan seine neokonservativen Streitgenossen, würden entschlossene Gegner vom Typ Chirac dem Westen eine andere Form geben, will heißen, Europa als Gegengewicht Amerikas in die Weltpolitik einführen.

          In dem massiven Realignment, das auch O'Sullivan am Horizont gewahrt, weissagt er Europa einen Kampf der "Atlanticists", die sich der Führerschaft Amerikas nicht verweigern, und den "Europeanists", die Nato und Europäische Union nach ihren Vorstellungen neu ordnen wollen. Ein Wendepunkt also auch hier, nicht für die Welt, aber für Europa. Amerikanische Neokonservative wie O'Sullivan scheuen sich dabei nicht, rumsfeldisch direkt Briten und proamerikanischen "Rekruten" wie Polen und Bulgarien zu ermutigen, den "Franco-Germans" ihr liebstes Spielzeug, die Europäische Union, zu klauen.

          Im Irak wird über Europa entschieden

          Verhindern müsse man jedenfalls eine mit Amerika rivalisierende europäische Supermacht. Aber auch den "Atlanticists" soll ihr Europa nur unter "U.S. Leadership" gegönnt werden. Darum müssen der Krieg und seine Folgen, und hier sind Konservative wie Liberale sich selten einig, sogar für jenen Teil der Welt von grundlegender Bedeutung sein. Im Irak wird über Europa entschieden. Auch wenn das in der ersten Kriegsnacht in New York, wo die gewohnte Musik der Stadt vom Gedröhn unsichtbarer Jets ersetzt wird und die Straßen sich doch auffällig geleert haben, nicht recht zu begreifen ist.

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