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ARD-Krimi „Mord auf Shetland“ : Überall tun sich Abgründe auf

  • -Aktualisiert am

Jimmy Perez (Douglas Henshall), Tosh (Alison O´Donnell) und Polizist Sandy (Steven Robertson) müssen einen weiteren Mord aufklären. Bild: ARD Degeto/ITV Studios

Die Einöde trügt: Vernetzte Kriminalität und globalisierter Drogenhandel finden sich auch bei Meerblick. So auch in Shetland – Zeuge von zwei Morden sind nur Schafe .

          Eine Million Schafe, kaum Menschen, Ölindustrie und Lachsfang. Was sich die Leute in Aberdeen und Glasgow über die Shetlands erzählen, hat einen wahren Kern, wie alle Klischees. Andererseits ist die Inselgruppe in der Nordsee zwar weit abgelegen, aber dank Internet und moderner Flughafen-Verkehrsanbindung nicht mehr aus der Welt. Vor allem nicht für die vernetzte Kriminalität und den globalisierten Drogenhandel, die in der schottischen Einöde den Anschein von Harmlosigkeit suchen.

          Der Schein des Ländlich-Sittlichen trügt auch in der zweiten Staffel der ansehnlichen britischen ITV-Produktion „Mord auf Shetland“, die dieses Mal, anders als in der ersten, eine einzige, kompliziert verwickelte Kriminalermittlung mit überraschenden Wendungen über sechs knorrig-rauhe Steilküsten- und Landzungenflairstunden erzählt. Die meisten der zahlreichen Figuren sind nicht nur, was sie scheinen. Alle haben Hintergrundgeschichten, die manchmal zwar nur wie nebenbei erzählt werden, deren Lebensnähe aber viel zur Qualität der Reihe beiträgt. Selbst Nebenfiguren sind Charaktere, die im Geflecht des vielknotigen Netzes wahrhaftig erscheinen (Figuren nach Ann Cleeves; Drehbücher Gaby Chiappe, Robert Murphy, Alexander Perrin und David Kane), auch wenn sie noch so wortkarg sind wie jener rotbärtige Tierpräparator, der sich verendetes Wild zur Eingeweideschau anliefern lässt.

          Abschied auf französisch

          Reif für die Insel? Abgründe finden sich selbst in der betulichen Seniorenresidenz mit Meerblick. Oder am wildromantischen Strand, an dem ein Junge angeschwemmte bunte Smarties findet. Wenig später liegt er im Koma und mit Nierenversagen im Krankenhaus. Detective Inspector Jimmy Perez (Douglas Henshall) findet mehr Ecstasy an malerischen Stellen, und muss sich kurz darauf mit gleich zwei Leichenfunden befassen. Einer der Toten, Robbie Morten (Andrew Rothney), war Pfleger im Altenheim und bei den Bewohnern überaus beliebt. Während der nächtlichen Fährüberfahrt hatte er gerade erst mit einer jungen Urlauberin, Leanne (Sara Vickers), vielversprechende Bekanntschaft gemacht. Morgens ist er verschwunden und wird von ihr vermisst gemeldet.

           Zusammen mit seinen Kollegen Sandy Wilson (Steven Robertson) und Alison McIntosh (Alison O`Donnell) kommt Detective Inspector Jimmy Perez (Douglas Henshall) einem düsteren Geheimnis auf die Spur.

          Abschied auf französisch, meint der Revierbeamte. Das Schiff habe er nie verlassen, insistiert sie. Robbies Körper taucht auf der Mülldeponie wieder auf. Jemand muss ihn in einem Container mit Altkleidern eingesperrt haben – Erstickungstod. Vielleicht ein Dealerkrieg? Perez’ Nachforschungen über Michael Maguire (Ciarán Hinds), mit dem Robbie an Bord Streit hatte, werden von höherer Stelle übernommen.

          Über Michael, stellt sich heraus, werden schützende Hände gehalten. Nicht erfolgreich genug. Schüsse in Kopf und Herz, ein Klippensturz – auf Michael und Leanne lauert ein Sniper, nur einer von beiden überlebt schwerverletzt. Spuren führen zur Zeugenschutzbeamtin Asha Israni (Archie Panjabi) und nach Glasgow. Dort pflegen Gangsterboss Arthur McCall (James Cosmo) und sein Handlangeranwalt Calwin Sarwar (Ace Bhatti) Verbindungen in höchste Justizkreise, in einer Großstadt, in deren Unterwelt mit althergebrachten Schurkereien zu rechnen ist. Doch auch das erweist sich im dritten Teil als Trugschluss.

          Zehn Jahre zurückliegende Vorgänge im Nachtclub „Level Nine“ scheinen eine Rolle bei der Lösung der Fälle zu spielen. Während Perez’ Teamkollege Sandy (Steven Robertson) durch familiäre Kalamitäten hindurch Loyalitäten klären muss, gerät die junge Polizistin Tosh (Alison O’Donnell) in Glasgow in eine Falle, die ihr einen erniedrigenden Denkzettel verpassen soll.

          Trotz gelegentlich visuell schier überwältigender Naturaufnahmen (Kamera Tim Palmer, Stijn Van der Veken) könnte „Mord auf Shetland“ von den üblichen Tourismus-Krimis kaum weiter entfernt sein. Landschaft, Meer, Atmosphäre, selbst Wetterstimmungen spiegeln Temperamente und menschliche Zustände, bespiegeln einander in den besten Momenten dieses je zweistündigen Dreiteilers, der in Großbritannien als Sechsteiler in kürzeren Dosen verabreicht wurde (Regie Thaddeus O’Sullivan, Jan Matthys). An die ITV-Ausnahmeproduktion „Broadchurch“ reicht „Mord auf Shetland“ nicht heran, aber die Fokussierung auf eine durchgehende Ermittlung mit vielen Verbindungen macht diese zweite Staffel noch einmal spannender als die erste.

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