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Zweite Staffel „Game of Thrones“ : Eine Sonne für die Kinder der Finsternis

Der Cäsarenwahn macht auch vor den Herrschern von Königsmund nicht halt: Joffrey Baratheon (Jack Gleeson) auf dem eisernen Thron von Westeros Bild: HBO Enterprises

Die Serie „Game of Thrones“ ging bei RTL II in die zweite Staffel. Das Fernseh-Epos über das Reich von Westeros verrät viel über unsere Zeit.

          4 Min.

          Am 3. September des Jahres 717 segelte die Flotte des Kalifen von Damaskus an der belagerten Stadt Konstantinopel vorbei ins Marmarameer. Der größte Teil der Streitmacht kämpfte sich in geschlossener Formation durch die tückischen Strömungen des Bosporus, nur die Nachhut aus zwanzig schwer mit Proviant und Soldaten beladenen Schiffen fiel zurück. Blitzschnell glitt ein Geschwader byzantinischer Kriegsgaleeren aus dem Hafen am Goldenen Horn und setzte die Transportschiffe mit griechischem Feuer, einer Mischung aus Öl, Schwefel und anderen Substanzen, in Brand. Es war ein entscheidender Moment in der Geschichte Ostroms und für die Zeitgenossen ein unvergesslicher Anblick, aber sicher dennoch bei weitem nicht so spektakulär wie der Untergang der Flotte Stannis Baratheons in der Schwarzwasserbucht vor Königsmund in der neunten Folge der zweiten Staffel von „Game of Thrones“.

          Nicht ohne ihren Drachen: Daenerys (Emilia Clarke) vermittelt Jorah Mormont (Ian Glen) ihre eigene Vorstellung, wie sie auf Qarth verschwinden wollte
          Nicht ohne ihren Drachen: Daenerys (Emilia Clarke) vermittelt Jorah Mormont (Ian Glen) ihre eigene Vorstellung, wie sie auf Qarth verschwinden wollte : Bild: HBO Enterprises
          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Denn das Prinzip dieser Serie, die zugleich die erfolgreichste und die am meisten raubkopierte Kostümfernsehserie aller Zeiten ist, ist die Überbietung des Mittelalters aus dem Geist der Moderne. Das brennbare Gemisch, mit dem die Byzantiner in der Zeit der arabischen Invasionen ihren Staat vor dem Untergang retteten, heißt hier „Wildfeuer“ und explodiert in grünlichen Flammen, die sogar Stahl zum Schmelzen bringen. Der Hadrianswall, eines der Wunder des mediävalen Europa, dehnt sich auf ein Vielfaches seiner Größe und wird zur dreihundert Meilen langen, zweihundert Meter hohen Mauer aus Eisblöcken, die den Inselkontinent Westeros vor den „Wildlingen“ und den „Weißen Wanderern“ des Nordens schützt und von einer Truppe aus tempelritterhaft verschworenen Legionären gehütet wird.

          Eine Erfindung auf der Höhe der Zeit

          Und aus Byzanz, der Stadt aller Städte in der Welt der Nibelungen, wird King’s Landing, auf Deutsch Königsmund, was im Englischen nach Tower und Themse und im Deutschen nach Rheingold und Romantik klingt. Beides hat in der Serie seinen Platz, wobei das Gold einen sehr viel größeren Raum einnimmt als die Romantik, weil „Game of Thrones“ der im Kino noch immer wirkungsmächtigen Tradition, nach der Rittergeschichten von sittsamen Frauen, großherzigen Kriegern und edlen Gefühlen handeln müssen, buchstäblich an die Gurgel geht.

          An der Seite seiner Tochter: Balon Greyjoy (Patrick Malahide) mit Yara (Gemma Whelman)
          An der Seite seiner Tochter: Balon Greyjoy (Patrick Malahide) mit Yara (Gemma Whelman) : Bild: HBO Enterprises

          Hier nämlich wird unsere Imagination des Mittelalters auf brutale Weise real. In den ersten Bildern der zweiten „Thrones“-Staffel, die RTL II nun an drei Abenden ausstrahlt, stürzt ein behelmter Kämpfer aus schwindelerregender Höhe krachend in den Tod. Ein Junge mit Eimer und Lappen, der am Hof des fiesen Königs Joffrey offenbar ständig auf seinen Einsatz wartet, wischt die aus der Rüstung quellende Blutlache mit routinierten Bewegungen auf. Später sieht man Enthauptungen, Palastrevolten, Säuglingsmorde, Männer, die vom Lynchmob in Stücke gerissen oder von ihren Feinden nach Torero-Art geschlachtet werden, und nie vergisst die Kamera, die visuellen Reste dieses Geschehens aufzuwischen: die abgerissenen Glieder, die rollenden Köpfe neben dem Richtblock, den Blutschwall, der aus dem Mund des Erstochenen quillt. Ja, „Game of Thrones“ ist gründlich, auf eine Weise, die den mittelalterlichen Chronisten fremd, dem Fernsehzuschauer des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts aber ein naturalistischer Hochgenuss ist. Es ist, als hätte ein Wortmagier das keusche Latein der schreibenden Mönche ins Esperanto des internationalen Actionfilms übersetzt.

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