https://www.faz.net/-gqz-9pnns

Netflix-Serie „Derry Girls“ : Willkommen im Krieg

  • -Aktualisiert am

Konflikte lassen sich auch im „Camogie“ austragen: Erin Quinn (Saoirse-Monica Jackson, rechts) und ihre Gang. Bild: Netflix

Katholische Oberschule, Pubertät und Politik: Es ist dieser Dreiklang, der die schräge Serie „Derry Girls“ aus dem Nordirland der „Troubles“ erfolgreich gemacht hat. Jetzt folgt die zweite Staffel.

          3 Min.

          Auf welche Weise erzählt man vom ganz normalen Wahnsinn des Alltags im nordirischen Bürgerkrieg, der erst vor gut zwanzig Jahren beendet wurde und dessen Frontverläufe bis heute nicht beseitigt sind, wie die Ermordung der jungen Journalistin Lyra McGee vor wenigen Monaten zeigt?

          Zum Beispiel ganz realistisch, wie Adrian McKinty. Seine Thrillerserie um den „katholischen Bullen“ Sean Duffy aus Belfast, den einzigen Katholiken in der nordirisch-protestantischen Polizeiorganisation RUC, gehört zum Besten, was bislang über die Jahre der „Troubles“ vor dem Karfreitagsabkommen geschrieben wurde. Aber selbst in McKintys literarischen „Hardboiled“-Krimis (Suhrkamp Nova) geht es bei aller detaillierten Sachlichkeit nicht ohne Absurdes. So wird Duffy etwa mit seinen schwerbewaffneten Kollegen mitten im Aufstand beim Belfast-Besuch des Boxers Muhammad Ali als Leibwache abgeordnet. Eine Visite, die die Bürger der versehrten Stadt mehr in Aufregung versetzt als der übliche neueste Terroranschlag mit zahlreichen Toten. Der Besuch ist verbürgt. „The Greatest“ war auf der Suche nach seinen irischen Wurzeln, wie der „Belfast Telegraph“ stolz schrieb und die Bürger zur Herzlichkeit aufforderte. Willkommen im Krieg.

          Die Schulleiterin zensiert die Schülerzeitung

          Von solchen Ereignissen, die den Keim des Verdrehten schon in sich tragen, ist es, nimmt man noch die zeitlosen allgemeinen Erstaunlichkeiten des Teenagerdaseins hinzu, nur ein kleiner Sprung zur aberwitzigen Sitcom „Derry Girls“, deren bislang zwei Staffeln (eine dritte ist bestellt), in Großbritannien höchst erfolgreich im Channel 4 liefen und die in Nordirland zur meistgesehenen Serie seit Messung der Zuschauerzahlen wurde, bevor Netflix schließlich ihren Streamingvertrieb übernahm.

          „Derry Girls“, der Serie um die Mädchen Erin (Saoirse-Monica Jackson), die verpeilte Cousine Orla (Louisa Harland), die merkwürdige Clare (Nicola Cughlan) und die hormongesteuerte Michelle (Jamie-Lee O’Donnell), vier katholische Freundinnen, zu denen zu Beginn der ersten Staffel noch Michelles zwangsexilierter britischer Cousin James (Dylan Llewellyn) stößt, ist nichts heilig und der Terrorkonflikt das Grundrauschen ihres Heranwachsens. Wenn Tante Sarah (Kathy Kiera Clarke) es nicht zum Sonnenbank-Termin schafft, weil wieder eine Bombendrohung den Verkehr lahmlegt; wenn Soldaten mit Maschinengewehren morgens den Schulbus durchsuchen – geschenkt. Wenn die Schulleiterin allerdings die Schülerzeitung zensiert und statt des Outings eines lesbischen Mädchens nur den Artikel über „Schuhe rund um die Welt“ abdrucken will – das geht gar nicht.

          Streng katholische Oberschule, Pubertät und Politik, das ist der Dreiklang des Alltags in „Derry Girls“. Wenn die loyalistischen britischen „Orange Men“ nah an Erins Elternhaus mit Trommelbegleitung Kampflieder üben, hüpfen bei den Quinns die Teetassen auf dem Tisch. „Sie proben doch gerade nur“, sagt der friedfertige Vater Gerry (Tommy Tiernan). „Hoffentlich können sie es bald mal, sie proben doch seit 1795“, erwidert die Mutter Mary (Tara Lynne O’Neill) trocken, sie die auch sonst keinerlei Gefangene macht. Bei einem lautstarken Streit über die Finanzierung der Studienfahrt nach Paris bittet die Mutter den Opa, Grandpa Joe (Ian McElhinney), die TV-Übertragung einer politischen Ansprache leiser zu stellen, man könne ja bei dem Lärm sein eigenes Wort nicht verstehen. Die Fernbedienung stehe doch auf stumm, ein Rätsel, wie der Mann das mache, sagt Joe. Der trotz Funkstille schreiende Mann im Fernsehen ist Ian Paisley, der berüchtigte Pfarrer und protestantische Scharfmacher, der später First Minister wurde.

          Geschrieben wird jedoch erst einmal das Jahr 1992. Die oberste Nonne der Mädchenschule, Schwester Michael (Siobhan McSweeney), wäre mit ihrer bei jeder Gelegenheit zur Schau gestellten Schülerinnenverachtung eine Zierde für jede Blasphemieuntersuchung. Ein Priester tritt als unfassbar selbstverliebter Pfau auf und spielt mit Erins Phantasien. Ein religiöser Scharfmacher auf eigene Art, der über Hauptsalbung redet und damit die Anwendung von Haarmousse meint. Ein attraktiver Pope, der begierig jeder vermuteten Marienerscheinung von Kindern hinterherrennt – dem Lieblingswunder irischer Katholiken, die irische Sangesikone Christy Moore hat darüber ein Spottlied verfasst. Schließlich könne man so eines Tages vielleicht den „großen Mann in Rom“ treffen – nicht Pavarotti, wie Orla vermutet, sondern Johannes Paul II.

          Die originellen Wendungen des Geschehens, ein streng durchgeknalltes Elternhaus mit Mutter Mary (wie die heilige Maria) und Vater Gerry (wie Gerry Adams, einstiger Präsident der katholischen Partei „Sinn Fein“ und mutmaßlicher IRA-Anführer) und die üblichen Beschwernisse des unverstandenen Heranwachsens verbindet die Autorin Lisa McGee zu einer über die Maßen komischen Comedy mit Tiefgang, bei der auch dank des unbedingt glaubwürdig spielenden Casts jede „Punchline“ dem Fass den Boden ins Gesicht schlägt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Robert Habeck und Annalena Baerbock sprechen die Sprache der grünen Neumitglieder.

          Eintrittswelle : Die neuen Grünen

          Anderen Parteien laufen die Mitglieder weg. Aber die Grünen, die gerade in Bielefeld auf ihrem Bundesparteitag zusammenkommen, können sich vor Aufnahmeanträgen kaum retten. Das schafft Probleme.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.