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Zwei „Tatort“-Folgen im Ersten : Das geht nicht gut aus

Schwer auszuhalten: Im „Tatort. Franziska“ wird Kriminalassistentin Franziska Lüttgenjohann (Tessa Mittelstaedt) von einem Häftling (Hinnerk Schönemann) zur Geisel genommen. Bild: WDR/Martin Valentin Menke

Die ARD zeigt zwei dramatische „Tatorte“ hintereinander. Das sorgt für einen nervenaufreibenden Abend - und ist Trauerarbeit. Denn in Köln und Frankfurt geht etwas zu Ende, auf die harte Tour.

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          Das wird ein langer harter Krimiabend, am Sonntag, im Ersten. Zwei „Tatorte“ hintereinander erwarten uns. Sie sind beide ausgesprochen sehenswert, aber auch ausgesprochen düster. So düster, dass der zweite, „Franziska“, erst um zehn Uhr gesendet wird. Ihn zur üblichen Sendezeit um Viertel nach acht zu zeigen erschien dem WDR und der ARD nicht angebracht, jüngerer Zuschauer wegen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das Jugendschutz-Argument kann man angesichts der hier dargebotenen Geschichte verstehen. Und auch wieder nicht: Der „Tatort“ ist generell kein Programm für Zwölfjährige, auch wenn die eine oder andere Dependance, wie etwa der „Tatort“ aus Münster, in Comedy macht. Und die Inflation der „Tatorte“ und „Polizeirufe“, über die inzwischen auch die Beteiligten stöhnen, ist noch mal ein Thema für sich.

          Zu hart für Viertel nach acht: Der „Tatort. Franziska“

          Im „Tatort. Franziska“ nun wird die Schauspielerin Tessa Mittelstaedt mit ihrer Rolle der Kriminalassistentin Franziska Lüttgenjohann verabschiedet. Damit hat man den Dreh der Geschichte schon verraten: Franziska besucht als ehrenamtliche Bewährungshelferin den Häftling Daniel Kehl (Hinnerk Schönemann), der wegen Vergewaltigung und Mord einsitzt, nun aber kurz vor der Entlassung steht. Ein anderer Insasse wird ermordet, Kehl nimmt Franziska als Geisel, setzt ihr ein Messer an den Hals und legt ihr einen Kabelbinder um denselben. Das Sondereinsatzkommando marschiert auf, die Gefängnischefin ist überfordert, der Staatsanwalt in der Bredouille, und die Kommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) suchen den soeben verübten Mord in zwei Stunden zu klären – dadurch könnten sie das Leben ihrer Kollegin retten. Könnten sie?

          Und warum läuft dieser Film nun erst um zehn? „Aufgrund der besonderen Bedrohungssituation der als Geisel genommenen Assistentin Franziska und der Tatsache, dass der Film – entgegen der eingeübten Erwartungshaltung – nicht gut endet, entsteht auch ohne vordergründig brutale Bilder eine sehr hohe Spannung“, sagt der WDR-Fernsehfilmchef Gebhard Henke und verrät damit noch mehr. Da die „(An-)Spannung nicht durch Schnitte im Film hätte verringert werden können und wir die künstlerische Integrität des Films nicht beschädigen wollten, haben wir uns für diese Ausnahme entschieden“.

          Das Martyrium einer Frau

          Langer Rede, kurzer Sinn: Dieser „Tatort“ ist schwer auszuhalten. Anderthalb Stunden lang verfolgen wir das Martyrium einer Frau mit einer Schlinge um den Hals. Sie bangt, bittet und kämpft, ihr Peiniger gefällt sich zuerst in der Rolle des vermeintlichen Opfers (den Mord im Gefängnis will er nicht begangen haben), dann als Herr über Leben und Tod. Tessa Mittelstaedt und Hinnerk Schönemann spielen das mit äußerster Intensität, die Regie (Dror Zahavi) ist glänzend, das Buch von Jürgen Werner ebenso. Ein perfekter Thriller. Man muss ihn nur aushalten wollen.

          Bis zur Neige: Joachim Król kippt bei seinem vorletzten Auftritt als Kommissar Steier im Frankfurter „Tatort. Eskimo“ einen Kurzen nach dem anderen.

          Nicht zum Aushalten ist zum Auftakt des langen „Tatort“-Abends auch der Frankfurter Kommissar Frank Steier. Joachim Król spielt ihn als versoffenes Wrack. In der ersten Szene haben wir ihn in nächster Nahaufnahme vor Augen. Er kippt einen Kurzen, dann noch einen und noch einen. Am nächsten Morgen wacht er in der Frankfurter Taunusanlage auf, vor seiner Nase geschieht ein Mord, die vermeintliche Täterin rempelt ihn um, doch ein Phantombild kann der Blackout-Kommissar nicht zeichnen. Dafür mischt er sich in die Ermittlungen ein, die zu seiner Ex-Frau Jutta (Jenny Schily) und deren jungem, seltsamem Freund Lars Quinn (Volker Bruch) führen. Steier behandelt seine neue, junge Kollegin Linda Dräger (Alwara Höfels) wie den letzten Dreck („Was machen Sie hier eigentlich? Schülerpraktikum?“), vergrätzt auch alle anderen und macht Witze über den Künstlernamen eines zweiten Mordopfers, Gregor Samsa („Wer hat die Körperverletzung gemeldet? Josef K.?“), glaubt, er kenne als einziger Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“. Er steht sich selbst im Weg. „Kotzen Sie sich nicht manchmal selbst an?“, fragt ihn die Kollegin schließlich. Erst darauf hat Steier keine Antwort.

          Groß in der Selbstdemontage: Król als Steier

          Es ist ein Jammer, dass Joachim Król diese Rolle wegwirft, nachdem Nina Kunzendorf den Frankfurter „Tatort“ fluchtartig verlassen hat. Wir sehen ihn als Steier zum vorletzten Mal in der Episode „Der Eskimo“, zu der Hendrik Handloegten und Achim von Borries das Buch geschrieben haben, bei der von Borries auch Regie führt und an der alles stimmt bis hin zu dem musikalischen Rätsel um den von Bob Dylan geschriebenen und von Manfred Mann eingespielten Song „Mighty Quinn“. Quälend lange dauert es, bis der Kommissar sich endlich aufrappelt. Irgendwann hat er sich ansatzweise wieder im Griff, leise blitzt auf, was ihn und seine Ex-Frau einmal verband, und sogar die neue Kollegin beginnt er zu respektieren.

          Das könnte ein Anfang sein. Aber nein. Beim „Tatort“ des Hessischen Rundfunks geht es demnächst ohne diesen Kommissar, bei den Kollegen vom WDR ohne die Assistentin Franziska weiter. Die ARD betreibt Trauerarbeit. Mit einem Trauerspiel nach dem anderen.

          Die „Tatort“-Folge „Der Eskimo“ läuft an diesem Sonntag um 20.15 Uhr, „Franziska“, um 22 Uhr im Ersten.

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